Stephan Harbort ist für Deutschland das, was Thomas Müller für Österreich ist, DER Experte schlechthin für Serienmörder und Kriminalpsychologie. Harbort, Diplom-Verwaltungswirt und ehemaliger Kriminalhauptkommissar, hat 2001 sein erstes Buch ('Das Hannibal-Syndrom') zu diesem Thema veröffentlicht, es sollten viele weitere folgen. Harbort beschäftigt sich mit verschiedenen Facetten des Serienmords, hauptsächlich jedoch mit dem Phänomen Serienmord an sich, aber auch mit einzelnen Tätern, ihren Motiven, ihren Methoden und vor allem ihrer Psyche. In 'Begegnung mit dem Serienmörder' befasst sich Harbort nun erstmals nicht vorrangig mit den Tätern, sondern mit überlebenden Opfern von Serienmördern und auch damit, wie man sich vor An- und Übergriffen derselben schützen kann. Harbort hat in 12 Jahren mit ca. 63 Serienmördern gesprochen, sie analysiert und die Ergebnisse des umfangreichen Interview-Materials ausgewertet und in aussagekräftigen Tabellen zusammengefasst. Nun aber wollte er der größtenteils medial und auch psychologisch vernachlässigten Gruppe der Opfer, hier besonders der der überlebenden Opfer, ein Forum bieten, ihre Sicht auf Tat, Täter und vor allem das Leben nach dem schrecklichen und traumatischen Übergriff zu schildern. Er hat aus den Opfer-Interviews zahlreiche informative und wichtige Fakten erhalten, die die bisherige Sicht auf das Phänomen Serienmord eindrucksvoll ergänzen. Und vor allem: er hat den bedauernswerten und Zeit ihres Lebens gezeichneten Opfern eine Stimme verliehen, die nicht ungehört verhallen sollte. Somit ist Harborts Buch ein überaus wichtiger Beitrag zum Thema Serienmord und bietet gleichzeitig die Möglichkeit, die aus Opfersicht geschilderten Erlebnisse in die Erforschung der Täter wirkungsvoll miteinzubeziehen.
Harbort hat sein Buch grob in sechs Kapitel unterteilt, die aber jeweils zahlreiche Einzelschicksale schildern. Interessant ist, dass hier nicht nur die Opfer zu Wort kommen, Harbort flicht darüber hinaus geschickt Täterprofile und -interviews sowie wissenschaftliche Fakten in die einzelnen Fälle mit ein. Er hängt jedes Kapitel an einem Fall auf, lässt ein oder mehrere Überlebende zu Wort kommen und ergänzt das Kapitel mit Informationen und Werdegang zum Täter, teilweise auch mit ausführlichen Interviews mit den Serienmördern. Anschließend berichtet er von weiteren Fällen, in denen sich entweder Tathergang oder Opfergruppe ähneln und schließt jedes Kapitel mit Präventionsvorschlägen und ein paar Statistiken ab, die aufzeigen sollen, in welcher Häufigkeit die vorab geschilderten Taten und Täter auftreten und wie man die Möglichkeiten, einer solchen Tat zum Opfer zu fallen, zumindest verringern kann. Diese 'Vorsichtsmaßnahmen' oder Verhaltensmaßregeln sind natürlich nur eingeschränkt anwendbar, da es in jedem einzelnen Fall spezifische Faktoren gibt, wie Täter und Opfer interagieren, in welchem Verhältnis sie zueinander stehen, welcher Täter- und Opfertyp hier aufeinander trifft und von welchen Unwägbarkeiten eine jede Tat beeinflusst werden kann. Dennoch kann man sich Hilfreiches aus der Lektüre mitnehmen und sollte Einiges davon definitiv im Hinterkopf behalten.
Die Schilderungen der Taten und der psychischen Verfassung von Täter und Opfer sind nichts für schwache Nerven. Harbort schildert explizit und detailliert die begangenen Verbrechen, die grausamen Modi operandi der Täter und die Hilflosigkeit und Angst der Opfer. Der Leser hat hier mit vielerlei Emotionen zu kämpfen: Angst, Wut, Entsetzen, Abscheu, Verständnis (für die Opfer), Fassungslosigkeit, Ekel und Trauer. Harbort schont seine Leserschaft nicht und so manches Mal meint man, noch mehr Grausam- und Abartigkeiten nicht mehr ertragen zu können. Der leicht verständliche Stil Harborts und seine Empathie an den Stellen, wo es nötig ist, schaffen es aber, den Leser immer wieder zum Weiterlesen zu motivieren. Harbort gelingt der Drahtseilakt, den Opfern ausreichend Raum zum Erzählen zu bieten und gleichzeitig ergänzende Informationen zum Täter zu liefern. Im Anhang des Buches findet sich neben der Bibliographie auch eine Synopse der von Harbort durchgeführten Studie, die diesem Buch zugrunde liegt und die aufschlussreiche Informationen zu Taten, Opfergruppen und Verbrechenshäufigkeiten bietet.
Das einzige Manko des Buches ist sein teilweise etwas unstrukturiert wirkender Aufbau. Durch fehlende Überschriften weiß man innerhalb des Kapitels oft erst nicht, wo ein Fall aufhört und der nächste beginnt. Manchmal wendet sich Harbort von einem Fall ab, geht auf verschiedene andere Taten und Opfer ein und kehrt dann noch einmal zum ersten Fall zurück. Auch die Zuordnung des Gesagten fällt manchmal schwer, man muss genau aufpassen, ob nun gerade Harbort, der Täter oder das Opfer spricht. Etwas mehr Übersichtlichkeit innerhalb der nur sechs Kapitel wäre hier sicherlich besser gewesen.
Das ist dann aber auch schon der einzige Punkt, der zu optimieren wäre. Ansonsten ist Harbort ein hervorragendes Buch gelungen, das die umfangreiche Literaturbandbreite zum Thema Serienmord um einen wichtigen und bisher sträflich vernachlässigten Aspekt bereichert: die Stimmen der überlebenden Opfer. Verständlich, eindringlich, sachlich, fundiert und bestens dokumentiert erhält man in 'Begegnung mit dem Serienmörder' einen umfangreichen Einblick in die Psyche der Opfer, aber auch die der Täter und darüber hinaus einige wertvolle Hinweise zur Prävention. Für Interessierte unbedingt empfehlenswert, daher verdiente fünf von fünf Blicken in die Seelen der Opfer, die einen definitiv nicht unberührt lassen.