Leider handelt es sich hier um ein tendenziell sehr eigenwilliges Buch in dem mit viel pathetischer Rhetorik die neue Einheit einer pluralen Welt gefordert wird. Besonders komisch ist die massiv ausgedehnte und größtenteils mit Floskeln operierende Sprachpolitik, die implizit wesentlich mehr mit Stereotypisierungen und Vorurteilen arbeitet als dem Autor lieb sein dürfte, sich aber gleichzeitig als kritisch, mahnend oder aufgeklärt inszeniert.
Sätze wie dieser sind zuhauf zu finden: "Ein gewisser Westen, der durchaus zu Formen der Emanzipation beigetragen haben mag, erteilt uns den Befehl, uns an ein entmenschlichendes Modell anzupassen, das janusköpfig und unausgeglichen ist, in unseren Augen kaum befreiend wirkt und auf ein seltsames Apriori gegründet zu sein scheint" (S.52) oder "Einige im Westen denken, daß es zwischen diesen Wesensebenen, dem spirituellen Sinn und dem Sinn für Logik und Gerechtigkeit keinen Zusammenhang, keine Verbindung, keine Kommunikation geben kann. Der Islam hingegen sieht sich als Engagement im Hinblick auf das Mysterium, als Treue zur offenbarten Botschaft, als besondere Hingabe an die religiöse Vision, daß das letztendliche Ziel das jenseitige Leben sei." (S.65).
Es dürfte klar sein, dass diese Abgrenzungen (Westen/Islam usw.) genau nach den Mustern und kognitiven Schemata verläuft, die man eigentlich zu unterlaufen gewillt ist. Was ist das für eine schräge Essentialisierung, wenn man von dem "gewissen Westen" spricht? Was meint man, wenn man sagt "der Islam"? Mir ist das nicht so beiläufig klar, wie es in dem Buch suggeriert wird, dass es mir klar sein müsste.
Zur Verteidigung muss man sagen, dass das Buch einen fiktiven Dialog darstellt, der aus Tonbandmitschnitten rekonstruiert ist, die kurz vor Derridas Tod entstanden sind. Mustapha Cherif leitet umfassend das von Jacques Derrida Gesagte ein und nimmt auch dezidiert eine Gegenposition ein bzw. erläutert umfassend seine eigenen Standpunkte.
Wer die letzten Texte von Derrida und seinen grundlegenden Ansatz kennt, wird kaum über dessen Antworten überrascht sein. Oft ist die Rede von der kommenden Demokratie, dem notwendigen Glauben, welcher gegenüber den Paradoxien des Wissens und der Wissenschaft ein Gegengewicht, eine Ergänzung, eine Notwendigkeit sein kann oder die Forderung nach der Anerkennung des absolut Anderen erklingt pausenlos usw. So richtig nun die einzelnen gesellschaftskritischen Diagnosen auch sein mögen, so sehr bleibt Jacques Derrida und ebenso M.Cherif im Konkreten schuldig, was genau zu tun sein könnte, außer auf ein Hoffen zu spekulieren, ohne das man ohnehin nie auskommt. Das ist Alltagsweisheit letztlich, da man "Glück" immer braucht bzw. Fortuna auf der Seite der Menschen und ihrer Vorhaben sein sollte. Nun ist es aber generell so, dass die ganzen Chiffren der Sehnsucht und die repetierenden Weck- und Mahnrufe nach einer neuen plural-universalistischen Humanität so unbestimmt sind, dass man kaum weiß, wo man anfangen soll. Der Diskurs löst sich auf in einer völligen Unklarheit, da man alles und nichts zugleich will. Das Ganze ist dann in gewisser Weise tatsächlich parteilos. Es steht für nichts, außer für sich selbst.
Fazit: Derrida ist grundsätzlich ein sehr bewundernswerter Autor, der überaus bedenkenswert ist. Allein, die Dekonstruktion "rettet" noch keine Welt, ermöglicht aber grundsätzlich andere Zugänge, während sie gleichzeitig neue Klüfte und Spalten aufreißt. Sie ist selbst in jene Paradoxien und Aporien verwickelt, die sie beschwört. Das Buch spricht exakt diese Sprache, fällt aber gleichzeitig in einen Jargon. Das merkt man auch daran, dass, Obacht!, Derrida von Mustapha Cherif ein "Meister" (S.112) benannt wird, der dabei helfen kann aus der "düsteren Zeit" (S.112) herauszufinden. Das ist nicht ganz verkehrt, stimmt so aber auch irgendwie nicht.
Für das konkrete Buch hier ist generell Vorsicht angebracht und es sei auf wirklich anspruchsvollere Originaltexte von Derrida verwiesen (Schurken, Politik der Freundschaft, Philosophie in Zeiten des Terrors). Als kleine Gedächtnisstütze für das, was der späte Derrida wollte, genügt das Buch, gleichsam ist es dafür m.E. zu teuer.