Laura (Celia Johnson) und Alec (Trevor Howard) sind jeweils verheiratet und haben Kinder. Doch ist ihnen etwas passiert, von dem viel zu lange totgeschwiegen wurde, dass es die natürlichste Sache der Welt ist: Sie haben sich ineinander verliebt. Jeden Donnerstag können sie sich für ein paar Stunden treffen, auf einem Bahnhof und in der Stadt, doch dann fahren die Züge in entgegengesetzte Richtungen ab...
Obwohl dieser Film augenscheinlich recht wenig mit den großen, späteren, epischen Werken des Regisseurs David Lean zu tun hat (so ist er mit 82 Minuten der kürzeste in Leans Oeuvre), handelt es sich um sein erstes wirkliches Meisterwerk. Was sind seine Besonderheiten? Der Film verurteilt nicht (bemerkenswert, dass der innere Monolog Lauras am Ende sogar sagt, dass sie NICHT wegen der Familie zu ihrem Mann zurückkehrt). Der Film zeigt die Ereignisse, als könnten sie jedem passieren; Laura und Alec sind ganz normale Leute, nicht einmal einen abstoßenden Ehemann bekommt Laura verpasst, wunderbar. Damit provoziert "Brief Encounter" und sagt, dass sehr wohl "sein kann, was nicht sein darf". Stilistisch ist er unerhört: Symbolisch und anspielungsreich bis ins Letzte, in Wort und auch in Bild. Es gibt eine schöne kleine Brücke, die über einen Bach führt - aber die beiläufige anfängliche Erzählung von einem Bahnhof, bei dem eine Brücke die Gleise eher trennt als verbindet, lässt uns Zweifel an romantischen Träumen haben. Gleiches geschieht durch eingestreute Kinobesuche von Laura und Alec - "Flames of Passion" scheint ein fürchterlicher Kitsch zu sein, eine Illusion voller Falschheit. Und Donald Duck als Vorfilm - hat dessen unverbesserlicher Optimismus nicht immer in die Katastrophe geführt?
So sind wir gewappnet für eine sehr erwachsen erzählte Geschichte - die aber keinesfalls kalt lässt. Fotografiert ist sie alles andere als nüchtern. Die Optik (Kamera: Robert Krasker) ist wie bei einem Film Noir - man denkt an die USA oder auch an deutschen Expressionismus, aber es sieht völlig anders aus als beispielsweise englische Filme der später Dreißiger. Lange Schatten, Aufsichten, tiefenscharfe Fluchtperspektiven, gefängnisartige Kadrierungen, abenteuerliche Schwarzweißkontraste (heller Rauch von symbolisch kommenden und wegfahrenden Zügen in Dunkelheit / unnatürlich schwarze Hintergründe, wenn sich alle Ereignisse und Gefühle in Lauras Gesicht verdichten). Der Dialog ist exzellent geschrieben. Bereits in der Eröffnungsszene ahnen wir, dass ein Bahnhofsvorsteher etwas mit der Kellnerin des Bahnhofsrestaurants hat und dass es da eine Krise gibt - Widerspiegelung der Geschichte zwischen Laura und Alec, die wir zu sehen bekommen werden. Ein gemeiner Kameraschwenk auf die beiden Protagonisten zeigt, dass sie offenbar nicht glücklich sind, während das Gerede der Bahnhofsangestellten weitergeht. Eine unglaublich schwatzhafte Freundin Lauras (wir sehen sogar einmal die Großaufnahme ihres enervierenden MUNDES und können ermessen, was Laura fühlt) stört die Szenerie - Alec wird als ein loser Bekannter vorgestellt, und es kommt heraus, dass er in einer Woche nach Afrika gehen wird. Laura ist sichtlich unwohl, und sie wird - auch das eine für den Film Noir typische Erzählhaltung - eine längere Rückblende einleiten. Interessanterweise gestaltet Lean dies als inneren Monolog. Laura denkt nach, erzählt sich selbst und damit dem Zuschauer, was sie ihrem Mann Fred nicht zu sagen wagt, um ihn nicht zu verletzten. Der Zuschauer ist fast so etwas wie ein Beichtvater, wird direkt ins Geschehen einbezogen und ist den Figuren, insbesondere Laura, auf sehr intensive Weise nahe.
Ist er auch Komplize? Eher nicht. Bei allem Verständnis, das Lean weckt, ist dieser Film niemals einseitig. Bei der Ehe mit Fred merken wir höchstens unterschwellig, dass ein bißchen zu viel Routine drin ist, doch ist Fred alles andere als ein kaltherziger oder stieseliger Gatte - nein, ich würde sagen, er ist liebend und kennt seine Frau sehr gut, denn in einem wundervollen Schlussbild wird angedeutet, dass er all das, was für seine Ohren nicht hörbar war, möglicherweise längst geahnt hat. Er kann in Lauras Geistesabwesenheit lesen wie in einem Buch (Celia Johnson hat aber auch schöne, intensive, große Augen, eine schüchternere Schwester der großen Bette Davis). Doch zunächst ist er der Mann, der schwärmerischen romantischen Gefühlen misstraut. Genialer Kniff: Fred sucht nach einem Wort mit sieben Buchstaben für sein Kreuzworträtsel - dem Schluss einer Zeile eines Keats-Gedichts. Laura meint "romance", und Fred hält es für die richtige Lösung: "That fits with ,delirium' ...".
Derartig gut geschriebene, doppeldeutige und perfekt durchkomponierte Dialoge findet man noch an so mancher Stelle. Ein Mal berichtet Alec von seinem Beruf: Er ist Arzt und (das wird es bei Lean öfter geben) ein junger enthusiastischer Pioniergeist, der die Welt bewegen und Neues in der Forschung zum Nutzen der Menschheit erreichen möchte (dass er am Schluss in die weite Welt gehen wird, passt auch zum späteren Weltenwanderer David Lean, der seine Helden in Filmen wie "Die Brücke am Kwai", "Lawrence von Arabien" und "Reise nach Indien" an alle nur erdenklichen Orte der Welt geschickt hat). Sein Gebiet ist die Präventionsmedizin, eigentlich eine Wissenschaft vom guten, vernünftigen Leben (die ihn aber nicht gegen das Verliebtsein gefeit hat, und er ist immer noch ein Stück unvernünftiger als Laura). Einmal redet er von "silicosis" (Staublungenkrankheit), und ich dachte sofort an "silly" und "cosy", also "albern, töricht, unklug" und "behaglich, gemütlich, lauschig" ("cosy links" heißt übrigens "Mauscheleien", was Alec und Laura in Folge ihrer Beziehung tun müssen). Eine Überinterpretation? Vielleicht. Aber dem Film gelingt insgesamt eine interessante und innovative Mischung: In Bildkompositionen, Dialogen, Erzählhaltung etc. ist er perfekt durchgestylt, erzählt aber dennoch eine alltägliche Begebenheit. Und dadurch macht er fühlbar, wie berührend und wichtig scheinbar Banales, Unspektakuläres sein kann. "Brief Encounter" wird auf diese Weise zu einem Film, der auf höchste Weise Herz und Hirn erfüllt, ohne dass das eine auf Kosten des anderen geht. Vielmehr erleben wir eine kongeniale Ergänzung und gegenseitige Verstärkung von Geist und Emotion.
Nachtrag: Den Film kann man mit dem drei Jahre später entstandenen Lean-Werk "The Passionate Friends" (1948) vergleichen, und erstmals bin ich mit dem Booklet der "David Lean Centenary Collection" nicht einverstanden: Während dieses den Charakteren des späteren Films mehr Komplexität zuschreibt, meine ich, dass "The Passionate Friends" stark von der Schlussphase lebt, vorher aber ein bißchen stereotyp ist. Bei mir gerade so eben fünf Sterne, aber hier: eine sehr klare, leidenschaftliche Fünfer-Entscheidung für einen Film, der keine Wünsche offen lässt.