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Ein Leben in der Belagerung, kurz vor der Befreiung: Das ist das Leben der jungen Erzsébet, 1944. In dem von Nazis und Russen umkämpften Budapest, zwischen Luftschutzkellern und zerbombten Straßen, versucht sie einem Alltag nachzugehen, der die Menschen entweder wahnsinnig macht oder abstumpfen lässt. Allein ihre Erinnerungen an das Leben vor dem Krieg, ihre bürgerliche Gedankenwelt, bieten ihr einen Halt. Doch Erzsébet kommt an einen Punkt, an dem sie alle Hoffnung auf Befreiung und die Wiederherstellung ihrer Welt aufgibt. Diese Resignation ins Fatalistische ist das philosophische Herzstück von Sándor Márais 1945 verfasstem Roman "Befreiung". Nicht umsonst gilt der in Vergessenheit geratene ungarische Autor seit der erstmaligen Übersetzung von "Die Glut" im Jahre 1998 als die Wiederentdeckung der letzten Jahre. Márai, der eigene Erlebnisse dieser Zeit in Budapest verarbeitet, stellt auf eine leise, aber äußerst eindringliche Weise Erzsébets resignierende Gedankenwelt im Belagerungszustand dar. Diesen Zustand macht Márai für uns begreifbar, indem er den Sprachfluss der Erzählung durch mehr und mehr einsetzende Monotonie fast zum Erliegen bringt: "Und dann breitet sich plötzlich eine große Ruhe in ihr aus. Aha, so ist das, denkt sie. Und als wäre alles in Ordnung, der Krieg und alles, was geschehen ist, dieser Tote, und sie Erzsébet, die jetzt frei ist, aber mit dieser Freiheit nichts anfangen kann, sie nicht, die anderen nicht, auch nicht der gelähmte Mann unten im Keller, nichts kann er anfangen mit der Freiheit, weil er ein Mensch ist." (lka)
Kurzbeschreibung
Dezemberkälte liegt über dem belagerten Budapest, zwischen Todesangst und Erschöpfung wartet die junge Erzsébet zusammen mit den anderen Bewohnern im Keller eines Hauses auf ihr Schicksal. Tag und Nacht, Mittag und Morgen sind unterscheidungslos geworden. Inmitten von stehlenden, streitenden Menschen empfindet sie dennoch eine Art Milde, denn nun ist er endlich da, der Augenblick der Wahrheit. Während die anderen vor den heranrückenden Belagerern fliehen, beschließt Erzsébet zu bleiben. All ihre Sinne sind hellwach, als plötzlich ein junger Russe den Keller betritt. Geprägt von der Intensität des eigenen Erlebens, erzählt Sándor Márai von Freiheit, Anstand und dem letzten Augenblick seiner sich selbst zerstörenden bürgerlichen Welt.
Über den Autor
Sándor Márai, am 14. April 1900 in Kaschau (Košice, heute Slowakei) geboren, lebte und studierte in verschiedenen europäischen Ländern, ehe er 1928 als Journalist nach Budapest zurückkehrte. Er verließ Ungarn 1948 aus politischen Gründen und ging 1952 in die USA, wo er bis zu seinem Freitod am 22. Februar 1989 lebte. Mit der Neuausgabe des Romans »Die Glut« (1999) wurde Márai als einer der großen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts erkannt und zum Bestsellerautor. Danach erschienen zahlreiche Neuausgaben seiner Werke, die alle bei Piper vorliegen, zuletzt die Romane »Die vier Jahreszeiten« und »Befreiung« sowie die Neuedition seiner Tagebücher.