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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
15 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Die Schrecknisse der Zeit,
Von
Rezension bezieht sich auf: Befreiung: Roman (Gebundene Ausgabe)
Dieses Buch ist eine Überraschung. Geschrieben wurde es 1945 - direkt nach der Befreiung Ungarns durch die Russen. Erst 1989 - nach dem Selbstmord des Autors - tauchte das Manuskript auf.Der direkte Zusammenhang zwischen dem historischen Geschehen und dem Aufzeichnungen verleiht dem Buch - Sándor Márai hat wohl nie eine Veröffentlichung gedacht - ein hohes Maß an Authentizität. Der Text hat aber auch, der Eile geschuldet, noch etwas Vorläufiges, noch nicht ganz Ausformuliertes. Und doch haben wir es mit einem kleinen Meisterwerk zu tun - mit einem Roman, der die Schrecknisse der Zeit beschreibt, die allgemeinen sowohl als auch die individuellen. "Der Krieg ist hier, man hört ihn keuchen, man spürt seinen heißen, fauligen Atem...". So empfindet das auch die "Heldin" des kleinen Romans, die im Budapest der letzten Tage und Stunden vor der sehnlichst erwarteten Befreiung durch die Sowjetarmee erwartet - erwartet und auch ein wenige befürchtete. Vor allem waren es die Juden, die von Pfeilkreuzlern, von Nazis und ihren Schergen gejagt wurden. Erzsébet erlebt die Bedrohung hautnah. Mit Mühe und Not hat sie ihren alten Vater noch verstecken können. Sie hat ihn einmauern lassen. Mit Mühe und Not auch sich selbst - zusammen mit anderen Verfolgten in muffigen, dunklen Kellern. Bedrohung und Hoffnung, Todesangst und Verzweiflung und das zermürbende Warten bestimmen die Tages- und Nachtabläufe. Dazu Streit und Missgunst unter den Eingeschlossenen. Sachlich, fast unterkühlt beschreibt Márai diese Situation, die zu eskalieren droht, als die erwartete Befreiung fast mit Händen zu greifen ist, als die ersten Kellerbewohner ihren Zufluchtsort verlassen. Vielfach mit einem tragischen Ende. Das jüdische Mädchen Erzsébet - ein wunderbares Frauenporträt - erlebt das Ende, die Befreiung auf andere Weise. Es wird von einem jungen sibirischen Soldaten vergewaltigt. Eine brillant geschilderte Szene, eine sehr anrührende - wenn man diese Wort dafür gebrauchen darf - Szene zwischen dem Opfer und dem Täter, der ebenfalls als Opfer zu sehen ist. Am Ende verlässt Erzsébet den Keller, sie geht vorbei an der Leiche des sibirischen Soldaten, hinaus in die ersehnte Freiheit. Dieser Roman ist ein Stück Zeitgeschichte, er erinnert noch einmal an eine Zeit, die wohl nie ganz überwunden werden kann. Er ist zugleich Mahnung, eine Mahnung, die aus der Vergangenheit zu uns gekommen ist. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Eine Soziologie der Belagerung,
Von Gerhard Mersmann "GM" (Mannheim) - Alle meine Rezensionen ansehen (TOP 500 REZENSENT) (VINE®-PRODUKTTESTER) (REAL NAME)
Rezension bezieht sich auf: Befreiung: Roman (Gebundene Ausgabe)
Der ungarische Schriftsteller Sándor Márai entpuppt sich in allen seinen Schriften als ein Meister der psychologischen Studie. Immer wieder gelang es ihm, die emotionalen Triebkräfte seiner Figuren in einem besonderen Licht zu sehen. Die Handlungen kommen ohne auf den Effekt abzielende Plots aus, das, was als der pulsierende Handlungsstrom beschrieben werden kann, ist bei Márai die Besonderheit der humanen Motivationslage. Die Biographie als programmatische Vorbedingung für das menschliche Handeln im Hier und Jetzt ist das Unabwendbare. Nun erschien zum ersten Mal seine auch im Ungarischen erst im Jahr 2000 veröffentlichte Aufzeichnung mit dem Titel Befreiung. Man fand das Skript über fünfzig Jahre nach seiner Erstellung.Die Handlung spielt im Budapest des Jahres 1944, die parafaschistischen Pfeilkreuzler und die deutschen Besatzer bereiten alles vor, um die Stadt gegen die Rote Armee zu verteidigen. Hauptfigur ist Erzsébet, eine junge Frau, die ihren Vater, einen berühmten Wissenschaftler, der sich offen für die Juden eingesetzt hat und jetzt auf der Todesliste steht, vor den Suchenden zu verstecken weiß. Er wird mit anderen in einem Keller eingemauert, um nicht gefunden zu werden. Sie selbst geht in einen Luftschutzkeller, wo sie mit vielen anderen die Bombardements erlebt. Dort ist ein sehr pittoreskes Publikum vertreten. Bildungsbürger, Kohlenträger, intellektuelle Juden, Frauen, die dem KZ entflohen sind und ein Hausmeister, der mit den Faschisten kollaboriert. Erzsébet beobachtet die sozialen Beziehungen dieser zusammen gewürfelten Gesellschaft sehr genau, ihr entgeht nichts und gleichzeitig entspannt sich in ihr ein innerer Monolog über das Wesen der kurz bevor stehenden Befreiung. Wie in einer soziologischen Studie seziert sie den Verfall der bestehenden Ordnung und entwickelt Thesen über die zu erwartende neue. Es beginnt eine Auflösung ihrer inneren Haltung, die die Grauen der Vergangenheit kennt und gleichzeitig die Illusionierung des Zukünftigen zerstört. Als die Straßenkämpfe näher rücken, wird der Keller von den Faschisten evakuiert, doch Erzsébet und ein Gelähmter verbergen sich und bleiben zurück. Sie wollen die Befreier dort erwarten. Und plötzlich steht ein junger Rotarmist im Keller und es entwickelt sich ein Dialog zwischen der jungen Frau und dem Sibirier, ohne dass die beiden die Sprache des jeweils anderen verstünden. Urplötzlich vergewaltigt der Rotarmist die junge Frau, um nachher verlegen zu sein und sich zu schämen. Erzsébet selbst hat Mitleid mit dem Mann, der aus dem Keller geht. Als sie selbst ins Freie tritt, liegt der Rotarmist tot auf der Straße und sie kniet sich über ihn, um ihm das Blut aus dem Gesicht zu wischen. So wie Primo Levi in Ist das ein Mensch? kalten Auges die Soziologie des KZs beschrieben hat, so figuriert Sándor Márai Belagerung und Befreiung, die keine ist. Scham steigt auf, nicht wegen einer Nation oder einer Ideologie, Scham steigt auf, weil der Mensch ein Mensch ist. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Bedrückend,
Von Paulus Genomicus (Herbipolensis) - Alle meine Rezensionen ansehen
Rezension bezieht sich auf: Befreiung: Roman (Gebundene Ausgabe)
Der Roman spielt in den letzten Kriegstagen 1945 in Budapest, wo die junge Erzsébet zusammen mit anderen Leidtragenden im Keller eines Hauses einem ungewissen Schicksal entgegen sieht. Die Wartezeit auf das Eintreffen der roten Armee wird ausführlich in einer gefühlvollen Sprache geschildert, deren Eindringlichkeit die Grausamkeit in einer Weise vermittelt, die bei Einigen zur häufigen Unterbrechung der Lektüre führen dürfte; die Erschütterung ist einfach zu groß. Problematisch ist allerdings die Schilderung von Erzsébets Vergewaltigung mit deren Folgen, die in der (vom Autor-Mann) gewählten Form schwer nachvollziehbar ist. In diesem Bereich einen Bezug von Menschlichkeit vermitteln zu wollen, ist schlicht ein falscher Ansatz. Insgesamt gesehen ein aussagekräftiges und bedrückendes Buch.
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