Da ist er nun, der Fiddy mit seinem gefühlte 200 Mal verschobenen, vierten Soloalbum "Before I Self Destruct". Das erste angekündigte Veröffentlichungsdatum war tatsächlich der 2. Februar 2008, die erste Single "Get Up" erschien Ende letzten Jahres und die zweite "I Get It In" folgte Anfang 2009. Durch die unzähligen Verschiebungen ist das natürlich wieder viel zu lange her, und somit sind die ersten beiden Singleauskopplungen nicht auf der Endversion enthalten. Umso mehr ist man erstaunt zu sehen, dass stattdessen das seit Ewigkeiten geleakte "Could've Been You" mit R. Kelly draufgepackt wurde. Der ein oder Andere wird enttäuscht feststellen, dass die hoch und heilig von Sha Money XL versprochene Endversion der von DJ Premier produzierten Granate "Shut Ur Bloodclot Mouth" nicht auf dem Album gelandet ist, Premo hat den Beat aber kürzlich für NYGz "Ready" wiederverwendet. So viel erstmal zu den kleinen Ernüchterungen beim ersten Blick auf die Tracklist, ohne auch nur einen Ton von der Musik gehört zu haben.
Diese lässt einen dann aber blitzschnell die kleinen Mängel vergessen, mit den ersten fünf Tracks wird erstmal ordentlich auf den Putz gehauen: Auf "The Invitation" verspeist der extrem wütend klingende Fiddy das düstere Boom Bap-Brett von Ty Fyffe mit Haut und Haaren und stimmt den Hörer perfekt auf den aggressiven Grundton des Albums ein. Für das darauf folgende Meisterstück "Then Days Went By" samplet der mir unbekannte Lab Ox exzellent den Jackson 5 Klassiker "Ain't No Sunshine". 50 nutzt die soulige Unterlage für einen seiner immer wieder überraschend unpeinlichen, persönlichen Momente. In meinen Augen ist dieser Song sein "Hate It Or Love It, Pt. II".
Danach ist definitiv erstmal Schluß mit Sentimentalitäten, mit "Death To My Enemies" liefert Dr. Dre ein bitterböses Monstrum von Beat mit Bassgitarre auf rockigen Live-Drums und 50 schafft es, die von der Musik vorgegebene Härte mit seinen in tiefer, bedrohlicher Stimmlage und Mörderflow vorgetragenen Morddrohungen noch zu übertreffen. Dass bei so viel Aggression der Humor nicht zu kurz kommt beweisen Lines wie: "I was born with the Tec - it's a birth defect!" oder "You'll have to explain to my n****s why they whoop your a**". Definitiv das Beste, was 50 und Dre seit 2005 zusammen aufgenommen haben und mit Raekwon's Wu-Hymne "House Of Flying Daggers" das Härteste, was dieses Jahr an NY-Hip Hop geboten wurde. "So Disrespectful" ist der obligatorische Disstrack im Stil von "Piggy Bank" auf dem es Young Buck und insbesondere The Game, bei dem 50 wieder tief unter die Gürtellinie geht, ordentlich abbekommen. Das Instrumental mit diesem Klaviergeklimper ist ein wenig vorhersehbar, aber effektiv.
Der nächste Geniestreich Dr. Dre's folgt mit dem minimalistischen "Psycho" mit Eminem, auf dem es 50 schafft mit seinem eher simplen Reimstil mit seinem Boss mitzuhalten, was auf früheren Kollabos der Beiden oftmals nicht ganz der Fall war. Ich finde den Track um Einiges besser als "Patiently Waiting", die Hook ist eine der besten und eingängigsten, die ich seit langem gehört habe. Auf "Hold Me Down" recyclet 50 auf kreative Weise ein von 2Pac und Nas schon verwendetes Konzept und singt seiner Wumme ein ergreifendes Liebeslied, als wäre sie die Frau seiner Träume. "Crime Wave" dürfte durch das Video allgemein bekannt sein, ein weiteres Paradebeispiel für 50 Cent's wiedergewonnene Härte.
Auf "Stretch" gibt es eine detailierte Lehrstunde zu, sage ich mal, "alternativen Einnahmequellen", unterlegt mit einem gewohnt verspielt groovenden Rick Rock Beat, gefolgt von einem weiteren Höhepunkt des Albums, "Strong Enough". Das Instrumental enthält wieder eine dicke Portion Soul und erinnert klanglich stark an einen der besten 50 Cent Tracks "Ski Mask Way" von "The Massacre". Darauf beschreibt 50 den Werdegang seiner Crew kurz und bündig in drei Zeilen: "It was five of us, all of us millionaires/Now one's a f***in' junkie, and one's a f***in' queer/Now it's three of us - that's the way we started". Hammer!
Die nächsten zwei Tracks werden konsequent durchgeskippt. "Get It Hot" hat die grauenvollste Hook, die ich von 50 Cent gehört habe und der Synthie-Beat klingt wie eine billige Kopie von "So Seductive". Havoc versucht auf "Gangsta's Delight" nach seinen zwei glanzvollen Momenten auf 50's letztem Album diesmal komischerweise wie Dr. Dre zu klingen. Auf einem Album mit Dre Beats ist sowas unnötig. Dafür läuft 50 auf "I Got Swag" auf einem Brett von Dual Output flowtechnisch zur Höchstform auf, bevor es im letzten Teil zu den ruhigeren R&B Nummern geht.
Die sind dem oben erwähnten, von DJ Khalil im traditionellen LA Stil gehaltenen "Could've Been You", der Single "Baby By Me" mit Ne-Yo und "Do You Think About Me", was Single Nr. 4 sein soll, erfreulich erträglich ausgefallen. R. Kelly ist bei Rapfans mit R&B-Abneigung eigentlich ein über weite Strecken tolerierter Gast, "Baby By Me" bringt trotz Pop-Appeal und Ne-Yo Hook eine gewisse Härte und Progressivität mit sich. Überrascht war ich zu erfahren, dass "Do You Think About Me" von Rockwilder produziert wurde, ich schwankte zwischen Timbaland und Polow Da Don. Zwischen den R&B Nummern wirkt die seit Mai veröffentlichte Dr. Dre Marschmusik auf "OK, You're Right" ein wenig deplaziert, aber auch erfrischend.
"Before I Self Destruct" ist locker das beste 50 Cent Album seit 2003. Die Menge an "radiofreundlichem" Material ist auf ein Minimum reduziert, 50 Cent klingt hungrig wie zu "Power Of The Dollar" Zeiten und inspiriert wie lange nicht mehr. Sein Flow ist energisch, melodiös und abwechslungsreich. Wie immer ist er durch seine fast schon virtuose Musikalität ein Meister darin, unfassbar simple und tausendfach verwendete Reime so unglaublich kunstvoll und neu klingen zu lassen. Auf den Songs der härteren Gangart erweckt er manchmal den Eindruck, er wäre ein tollwütiger, ausgehungerter Pitbull, der sich erst von der Kette und dann den Beat in Stücke reisst, fast wie der junge DMX Ende der 90'er. Auch der seit dem letzten Album erhobene Vorwurf, 50 Cent würden die Ideen für Hooks ausgehen, hat er mit diesem Album (bis auf "Get It Hot") glänzend wiederlegt.
Dennoch enthält "Before I Self Destruct" neben einem guten Dutzend Granaten auch zwei, drei durchschnittliche Tracks, die man ruhig durch die zu Beginn genannten hätte ersetzten sollen. Man hat das Gefühl, das Album wäre durch falsche Songwahl unnötig an der Perfektion vorbeigeschlendert, denn das Material für einen Klassiker wäre mit "Get Up", "I Get It In", dem Premier Track und diversen anderen Mixtape-Veröffentlichungen von z. B. der "War Angel LP" durchaus vorhanden gewesen. Besonders schade ist es, weil man in Deutschland nirgendwo "I Get It In" in vernünftiger Soundqualität bekommt. Insgesamt aber ist "Before I Self Destruct" ein extrem starkes Album, aus dem mit ein wenig besserer Song-Auswahl ein Klassiker im Stil von "Get Rich Or Die Tryin'" geworden wäre.