Nach seinem Motorradunfall 1966 hatte sich Dylan für viele Jahre von Liveauftritten zurückgezogen. Wenige populäre und teilweise wohldokumentierte Ausnahmen wie 1969 auf der Isle of Wight oder 1971 bei George Harrisons "Concert for Bangla Desh" bestätigten die Regel. Nun legte er, abgesehen von der George Jackson-Single, fünf neuen Songs auf "More Bob Dylan Greatest Hits" und dem Soundtrack zu "Pat Garrett & Billy the Kid", Anfang 1974 mit "Planet Waves" sein erstes "richtiges" Album seit fast vier Jahren vor, was sicher den großen Andrang nach seinen Konzerttickets bei seiner ersten Tournee seit acht Jahren erklärte (Gerüchten zufolge sechs Millionen Vorbestellungen). Und was lag näher, als sich dabei wieder der Dienste von The Band zu versichern, die ihn auf eben jener '66er Tournee, den "Basement Tapes" sowie bei seinem Isle of Wight-Konzert und auf "Planet Waves" begleitet hatten? The Band ihrerseits hatten seit "Cahoots" '71 auch keine neuen Eigenkompositionen mehr vorgelegt.
Das Tourdokument "Before the Flood" belegte eindrucksvoll, dass The Band in letzter Zeit vielleicht nicht so kreativ gewesen waren, dafür aber nichts von ihrer Live-Power verloren hatten. Es fällt auch auf, dass sie in Titelgebung und Gestaltung des Innencovers (das nicht von ungefähr an die von "Rock of Ages" erinnert) als absolut gleichwertig präsentiert werden und nicht bloß als Dylans Begleitband.
Über die Gründe für Dylans Rückkehr auf die Bühne kann nur spekuliert werden - die Tournee war zweifellos äußerst lukrativ, aber waren es Geldsorgen oder Dylans Angst vor dem Vergessenwerden? Im Begleittext zu Dylans "Bootleg Series Vol. 5 - Rolling Thunder Review" klingt an, es könnten beginnende Eheprobleme gewesen sein, die ihn on the road trieben, und Fakt ist, dass Dylan 1974 im Zeitraum eines Jahres drei Alben veröffentlichte und dass auf Folgealben seine Trennung von Sara bestimmendes und teilweise erstaunlich offen behandeltes Thema bleiben würde. In diesem Sinne verstehe ich persönlich auch den Albumtitel "Vor der Sintflut" (d.h. vor der Trennung) - aber wie üblich bietet Dylan einen so weiten Interpretationsrahmen, dass man solche Dinge nicht überbewerten sollte.
Was immer Dylans Gründe waren: die Zeit war definitiv reif, und er war es auch. Er war hörbar "Herr der Lage", wie ein Kritiker schrieb, seine Stimme kraftvoll und kompromisslos, fast zornig, und The Band begleiteten ihn dabei ebenso kraftvoll wie vital. Die Tour und Dylans erstes Live-Album legten Zeugnis davon ab, dass er seine Songs live nicht einfach reproduzieren, sondern ihnen durch Tonart- und Taktwechsel und neue Arrangements neues Leben einhauchen würde.
Höhepunkte sind für mich vor allem zwei Songs: beim Intro von Like a Rolling Stone habe ich immer das Bild eines Oldtimers vor Augen, der mit der Kurbel angeworfen wird und dann so richtig Fahrt aufnimmt; und die Publikumsreaktion auf die Zeile "selbst der Präsident der Vereinigten Staaten muss manchmal die Hosen runterlassen" (in It's alright, Ma (I'm only bleeding) von 1965) angesichts der damals aktuellen Watergate-Affäre zeigte, dass Dylans Songs nicht nur zeitlos, sondern rückwirkend prophetisch sein können! Dies traf dann Jahre später auf Clintons Lewinsky-Affäre erneut zu.
Von den 21 Songs bestritten The Band acht alleine, sie lieferten klasse Versionen einiger ihrer stärksten Songs und machten auf "Before the Flood" mit When you awake und Endless Highway dem Publikum zwei unveröffentlichte Songs zugänglich. Richard Manuels Gesang auf Dylans I shall be released (für mich die definitive Fassung unter allen Coverversionen) scheinen nicht alle zu mögen - ich finde seinen brüchigen Gesang sehr ergreifend.
Schade allerdings, dass sich die Plattenfirma bei der Songauswahl von Dylans Stücken - bis auf die Eröffnungsnummer Most likely you go your Way (And I'll go mine) - fast ausschließlich auf ein Greatest-Hits-Programm festlegte; Frederik Hetmann (1979) schreibt von 80 geprobten Songs und Robert Shelton (1986) von 35 Stunden mitgeschnittenem Live-Material. Sony hat sich entschieden, keinerlei Bonustracks zu veröffentlichen, damit muss man leben.
Ich fand immer schon witzig und erfrischend, dass man sich gar keine Mühe machte, zu verbergen, dass die Platte aus mehreren Shows zusammengeschnitten wurde; bei ein paar Songs kommt Dylans Gitarre von rechts, Robertsons von links, bei anderen umgekehrt. Und ich fand schon zu LP-Zeiten, dass sie für eine Liveaufnahme von 1974 erstaunlich gut klang, und das Remaster von 2009 brachte die erwartete Klangverbesserung gegenüber der CD-Erstauflage sowie ein paar Extra-Fotos.
Dylan hatte im Laufe seiner Karriere noch einige Hänger, aber "Before the Flood" dokumentierte seine endgültige Rückkehr auf die Bühne, die er Ende der Achtziger dann noch zu seiner "Never Ending Tour" erweiterte.