Von Ludwig van Beethovens berühmtem Violinkonzert gibt es Aufnahmen wie Sand am Meer. Klassikneulinge werden beizeiten auf die bekannten Aufnahmen stoßen, zu denen auch die vorliegende zählt, ein Konzertmitschnitt aus dem Jahr 2002 mit Anne Sophie Mutter an der Violine und den New York Philharmonics unter Kurt Masur. Auffällig an der Aufnahme ist, dass sie in keiner Weise überragend ist, und sich deswegen die berechtigte Frage stellt, weshalb gerade diese Aufnahme sich einer derartigen Bekanntschaft erfreut. Im nichts sagenden Booklet - das Masur fast gänzlich unter den Teppich kehrt - verweist Mutter zwar auf die Demut, die man dem Werk Beethovens entgegen bringen müsse, davon ist in der Aufnahme allerdings nicht viel zu spüren.
Reizvoll ist freilich die Zugabe, nämlich die beiden weitaus weniger häufig aufgenommenen Violinromanzen Beethovens, deren Interpretation durchaus als bestechend bezeichnet werden kann.
Diese beiden Romanzen - Nr. 1 in G Dur op. 40 und Nr. 2 in F Dur op. 50 - entstanden beide vor dem monumentalen Konzert. Sie aber darauf zu reduzieren, dass sie bloß Studienwerke des Meisters seien, ist natürlich verfehlt, stecken die beiden doch voller Finessen. Ihr Tonfall ist melancholisch, wobei er vor allem in der berühmten zweiten Romanze bisweilen ins Schwelgerische gleitet. Sie wirken sogleich anziehend, lyrisch und anmutig.
Mutter vollbringt hier eine ihrer besten Leistungen, zumindest, soweit ich das beurteilen kann. Selten habe ich sie derart empathisch und zwingend erlebt. Auch der Orchesterpart ist mitreißend und absolut transparent, was in jedem Falle auch der hervorragenden Aufnahmequalität zu verdanken ist.
Für das Konzert selbst darf man sagen, dass Mutter hier eine große Chance verpasst hat - eine Chance, im Rahmen einer Liveaufnahme ihre Kritiker Lügen zu strafen, von denen der deutschen Geigerin immer wieder vorgeworfen wurde, zwar technisch brillant, aber interpretatorisch kalt und leidenschaftslos zu spielen. Leider entspricht sie hier dieser Kritik.
Dabei geben ihr Kurt Masur und seine glänzend aufgelegten New Yorker eine prima Vorlage: Die spielen transparent, in einem angenehmen Tempo. Masur versteht es trefflich, vor allem den epochalen Kopfsatz passend zu gliedern und scharf zu akzentuieren, so dass nichts versandet. Die lyrischen Linien im schlichten zweiten Satz nuanciert er farben- und kontrastreich wie wenige. Mutters Leistung bleibt weit dahinter zurück. Lediglich im spritzigen, berühmten Finale vermag sie sich eines kecken Tonfalls zu bemächtigen, der diesen Satz auch wirklich originell und gut durchhörbar macht.
Fazit: Anne Sophie Mutter aber schafft es nicht, dem Repertoireklassiker Violinkonzert noch etwas Neues abzugewinnen. Aufgrund der herausragenden Orchesterleistung und der wundervollen Darbietung der beiden Violinromanzen aber dennoch zumindest hörenswert.