Es ist hier wie überall, wenn man es mit Karajan zu tun hat, und mit seinen Kritikern. Es fällt schwer Verständnis zu haben und sich zu orientieren. Ich als Laie, habe mich vielfach mit Beethoven und Gesamtaufnahmen seiner Sinfonien auseinandergesetzt (2 x Abbado, Kleiber, Furtwängler, Klemperer, Gardiner, Solti, Bernstein, 3x Karajan). Die Reihenfolge war dabei völlig unerheblich. Und ich muss sagen ich begreife nicht, wie man so voreingenommen gegenüber der Arbeit eines Musikers sein kann, dass man scheinbar die Klasse wirklich nicht erkennen kann. Meine Feststellung, die ich gemacht habe, jetzt ausschließlich auf Karajan bezogen, ist, dass er mit seinem ersten Zyklus mit dem Philharmonia Orchestra, einen ersten Weg zu Beethoven abgestochen hat, in einer Phase, in der er sich vielleicht selbst seiner Bedeutung noch gar nicht im Klaren war. Die zweite Beschäftigung mit dieser Reihe außergewöhnlicher Werke, brachte dann allerdings bereits die Vollendung, die man naturgemäß eigentlich im dritten Zyklus hätte erwarten müssen. Für mich ist der zweite, dieser Zyklus so revolutionär so zeitlos, dass ich den dritten für ziemlich überflüssig halte. Ich glaube Karajan hätte gut daran getan, es bei seiner Arbeit aus den Sechzigern zu belassen. Man spürt richtig, dass er bei der dritten Schallplatten-Aufnahme im Grunde nichts Neues mehr zu sagen hat. Um es mit aller Deutlichkeit auszudrücken: Diese Aufnahme ist aus meiner völlig subjektiven Betrachtung heraus, das Beste was Beethoven widerfahren konnte. Alles was man diesen Aufnahmen unterstellt an Schlechtigkeiten, Mittelmaß, Größenwahn und so weiter - nichts davon ist wahr. Natürlich kann man sich bei Beethoven niemals mit nur einer Wahrheit bescheiden, aber wenn es nur eine geben sollte, dann kommt diese hier ihr am nächsten. Die Schwierigkeit, mit Werken wie diesen zu arbeiten, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Nicht, weil Sie so unzählige Male bereits interpretiert worden sind, sondern weil sie den Wendepunkt eines Musikzeitalters markieren. Daher ist die Geschlossenheit dieser Einspielungen geradezu beruhigend. Immerfort hat man das Gefühl von Frische, von wahrer Größe, von Einmaligkeit. Wilhelm Furtwängler selbst vertrat bekanntlich die Meinung, es gäbe keine schlechten oder guten Interpretationen, sondern nur überzeugende und weniger überzeugende und ich kann sagen, dass ich mir Beethoven immer so erträumt habe - weder akademisch, noch übermütig. Ich möchte auch keine Vergleiche ziehen zu anderen Einspielungen, sondern nur sagen, dass es in der Sache falsch wäre auf jedes Werk im einzelnen einzugehen, den jeder Aufnahme liegt der gleiche Grundsatz zugrunde: Mit dem Komponisten und seiner Aussage mitempfinden, Vorfabriziertes im Augenblick neu entstehen lassen, den Noten Leben und Atem geben. Was müsste man sagen zu einem solchen Orchester, gewiss und ohne Übertreibung eines der fünf besten der Welt? Man muss nichts sagen! Aber warum muss man Karajan, und gerade seine bedeutendsten Leistungen unter beinahe endlos vielen maßstäblichen, stets verteidigen? Warum kann man diesem einzigartigen Künstler und nur dem Künstler, nicht den Verdienst einräumen, den er selbst sich erarbeitet hat. Allgemein finde ich es bedauerlich, dass viele der Meinung sind, die Arbeiten einiger Dirigenten seien alle gleich schlecht oder unbefriedigend, einfach aus einer ganz bestimmten vorgefassten Grundhaltung heraus. Ich möchte bezweifeln, dass Dirigenten wie Solti, Bernstein, Gardiner, Furtwängler, Karajan, Klemperer oder Abbado sich ihren Aufgaben näherten ohne sich mit ihnen im Vorfeld zu beschäftigen. Sie wären nicht die überragenden Künstler die sie waren, geworden, wenn sie so leichtfertig an ihre Arbeit herangegangen wären. Gewiss hat jede Aufnahme ihre Vorzüge oder Nachteile, doch liegt mir daran einmal auszusprechen, ohne dabei den Anspruch auf Allgemeingültigkeit zu erheben, dass diese Aufnahmen zu den überzeugendsten der gesamten Schallplattengeschichte zählen.