Wer so recht eigentlich in das sinfonische Schaffen Beethovens eintauchen will, kommt wohl kaum an Leonard Bernsteins grandioser Gesamtinterpretation vorbei. Mehr noch, die Deutsche Grammophon hat mit dieser Wiederveröffentlichung ein ganz besonderes Juwel Bernsteins auf den Markt gebracht. Zuerst erschien dies unvergleichliche Album als repräsentative Kassette mit acht Langspielplatten von allerbester Qualität, einem formidablen Beiheft und einem großartigen Portrait des beliebten Dirigenten in würdevoller Haltung auf der Vorderseite. Bis heute ziehe ich Bernsteins gemessene, geradezu majestätische Tempi jeder anderen Version vor. Ein wenig Nostalgie mag dieserhalb durchaus eine Rolle spielen, doch ich denke, die von mir so sehr geliebte "Eroica" (3. Sinfonie) kann niemals besser klingen als hier. Meine Eltern schenkten mir in meiner Jugend die - für damalige Verhältnisse ausgesprochen teure - 8LP-Box zu Weihnachten und ich musste meiner Mutter zusichern, "auch mal Karajan" zu hören. Zähneknirschend willigte ich ein. (Siehe auch meine Rezension vom 21. September 2006 zu Karajans Einspielung der "Brandenburgischen Konzerte" Johann Sebastian Bachs.)
Leonard Bernstein war sich sehr im Klaren darüber, dass viele Menschen im Laufe ihres Lebens die Fähigkeit zur Freude verlieren und er wollte mit seiner Kunst ganz bewusst ihrem Mangel begegnen. Für ihn persönlich fiel die Erstveröffentlichung dieses Albums in die Zeit der Ernte seines Lebens. Mir ist, als habe er in die hier vorliegenden Aufnahmen seine gesamte Erfahrung eingebracht. Diese spektakuläre Einspielung der Sinfonien Beethovens wird bei einem großen Kreis von Musikfreunden unweigerlich Erinnerungen an die Achtzigerjahre wachrufen, als viele von Bernsteins Konzerten im deutschen Fernsehen übertragen wurden. Zu dieser Zeit war er vermutlich - von Karajan vielleicht einmal abgesehen - der beliebteste Dirigent hier zu Lande. In jenen Jahren freute ich mich wie ein kleiner Junge auf seine großartigen Neujahrskonzerte. Im Anschluss daran wurde Leonard Bernstein an einem Tisch sitzend gezeigt, den Zuschauern das aufgeführte Werk erklärend - in sehr pronounciertem Deutsch. Für mich waren seine Kommentare stets eine "Neujahrsansprache" der ganz besonderen Art!
Arg verschleppte Tempi und überbordende Gesten hat man Leonard Bernstein zuweilen vorgeworfen, doch in Wirklichkeit ist hier nichts, was das gewaltige Werk in seinen Gesamtproportionen beeinträchtigen oder ihm die Spannung nehmen könnte. Im Gegenteil, Bernstein dient der Musik Beethovens mit einer solchen Inbrunst und Eindringlichkeit, dass der Komponist seine wahre Freude daran gehabt hätte! Hier und da wirkt Beethovens Musik unter Bernsteins Dirigat derart zart und zerbrechlich, dass man kaum zu atmen wagt. An anderen Stellen kommt eine solch wuchtige atmosphärische Dichte auf, dass man sich mit geschlossenen Augen beinahe in einen Konzertsaal versetzt fühlt. Obwohl ich nie ein Freund speziell der 9. Sinfonie war, muss ich sagen, dass Leonard Bernsteins erhabener Ernst bei der geistigen Durchdringung Beethovens sinfonischer Werke aufs Ganze gesehen stets einen unvergleichbar starken Eindruck auf mich gemacht hat. Seine Sicht auf Beethovens gewaltige Partitur, seine klare Handschrift in der Linienführung und seine bemerkenswert vertrauensvolle Abstimmung mit den Wiener Philharmonikern kennzeichnen eine Gesamtinterpretation, die über ihre Zeitbedingtheit hinaus großen Wert behalten wird. Der weiche Klang der Hörner und die satte Präsenz der Streicher erfüllen diese überaus klar strukturierten Einspielungen mit einer teils sachten, teils überwältigenden Emotionalität. Beethovens Kompositionen verlangen Solisten, Chor und Orchester das Äußerste ab. Dass die Intonationssicherheit der Vokalsolisten mitunter auch Grenzen kennt, fällt im Gesamtbild jedoch kaum ins Gewicht. Die Klangqualität der Aufnahmen ist einfach superb und überragt manche Studio-Einspielungen um Längen.