Aus meiner grundsätzlichen Skepsis gegenüber Live-Aufnahmen habe ich nie ein Hehl gemacht. Allzu oft leiden Wiedergaben dieser Art unter schlechten, unausgeglichenen technischen Bedingungen, und die nicht auszumerzenden Publikumsgeräusche trüben den Genuß der Musik.
Im vorliegenden Fall muß ich meine Animosität zurückstellen, denn aus Anlaß der Wiedereröffnung der Bayreuther Festspiele am 29. Juli 1951 ist eine Aufnahme entstanden, die in jeder Hinsicht als epochal einzustufen ist und fast 60 Jahre nach ihrer Entstehung noch gültige Maßstäbe der Beethoven-Interpretation setzt, selbst wenn uns viele jüngere Dirigenten weismachen wollen, daß die ihrige den Intentionen des Komponisten näherkommt.
Wilhelm Furtwängler nähert sich Beethoven von der romantischen Seite: Hier stehen sich die Gegensätze schroff einander gegenüber, verweben sich ineinander und vereinen sich schlußendlich zu wahrhaft himmlischen Klängen. In allen Sätzen ist der legendäre "große Atem" Furtwänglers zu spüren. Im Adagio scheint schier die Zeit stillzustehen, und der Schlußsatz steigert sich zu einem einzigen Triumphgesang.
Ein großartiges Solistenquartett stand dem Dirigenten zur Verfügung, nur der Tenor Hans Hopf klingt ein wenig eng und verklemmt. Aber Elisabeth Schwarzkopf (Sopran), Elisabeth Höngen (Alt) und Otto Edelmann (Baß) sind wahre Idealbesetzungen. Das neu zusammengestellte Bayreuther Festspielorchester, mit den damals besten Musikern Deutschlands ausgestattet, gibt eine höchst inspirierte, großartige Leistung, und auch der von Wilhelm Pitz sorgfältig einstudierte Festspielchor gibt dem Finale alle Kraft und allen Glanz, dessen es bedarf. Mit dieser herrlichen Interpretation kann man das innerste Wesen der Neunten erfassen. Sie ist durch keine andere zu ersetzen.
Natürlich sind klanglich Abstriche zu machen; für eine Live-Produktion aus dem Jahr 1951 klingt die Aufnahme aber mehr als akzeptabel. Da haben die EMI-Tontechniker noch einmal alles versucht, das Optimum des heute Möglichen zu erreichen. Die mehrsprachige Textbeilage ist umfangreich und repräsentativ. Sie enthält einen wertvollen Essay des britischen Musikkritikers Alan Sanders. Eine der besten Ausgaben der verdienstvollen Reihe "Great Recordings of the Century", die in jeder guten Klassik-Diskothek zu finden sein sollte.