Ich glaube, man sollte zwischen einer recht heftigen Vermarktung des Namens Grimaud und dem Klavierspiel und der Person Helen Grimauds unterscheiden, daher möchte ich mich weder den Meinungen anschließen, die automatisch jede neue Aufnahme dieser Pianistin sofort als genial sehen wollen, noch denen, die sich manchmal geradezu auf sie einschießen.
Das Klavierkonzert in Es habe ich das erste mal als Jugendlicher kennengelernt und immer wieder - mit langen Pausen dazwischen - hörender-weise wieder zu mir geholt, es kann mich mich noch immer fesseln. So vermag ich auch in dieser Aufnahme viel schönes, intessantes und auch unorthodoxes zu erleben, gerade der kadenzartige Beginn des 1. Satzes mit den Kaskaden des Soloklavieres wird von der Pianistin ungewohnt skandiert, es gibt für mich in den beiden schnellen Sätzen gut verteilt viel Kraftvolles neben genauso intensivem Zartem, ich finde - im Gegensatz zu manchen vorangegangenen Kritiken - nicht, dass Helen Grimaud auf dieser Aufnahme vorwiegend grob oder jedenfalls undifferenziert spielte, z.B. der Beginn des Finales ist im Klavierpart von Beethoven mit ff (fortissimo) bezeichnet, zusätzlich noch im nächsten Takt mit Sforzato auf der Synkope (=Betonung auf dem schwachen Takteil), eine Lieblings-sache dieses Komponisten, das bringt sie dann tatsächlich so, das ist bei Aufführungen und Aufnahmen nicht immer zu hören (vielleicht weil nicht ganz bequem zu spielen), das folgende piano kommt bei ihr (und etlichen anderen Pianisten) nicht ganz so gut heraus.
Den langsamen, zweiten Satz finde ich wunderschön ausmusiziert, weder zu langsam, noch zu rasch über Details hinweg.
Das Konzert nach dem vielen Hype und negativer Kritik insgesammt eine angenehme Überaschung.
Der Aufnahmeort für dieses war die Lukaskirche in Dresden, und dieser halligen Sache begegnete man offensichtlich mit einer Mikrophonierung, die teilweise, so mein Höreindruck, sehr nahe an die Instrumente ging - es ist interessant, so meine Erfahrung als Musiker, wie aus ein und demselben Musikstück und Pianisten bei unterschiedlichem Aufnahmeabstand (und unterschiedlichen Mikrophonen) was ziemlich anderes werden kann.
Noch angenehmer war ich dann von der Musik des zweiten Werks auf dieser CD angetan, die Realisierung dieser Sonate finde ich sehr vital, überzeugend und in vielen Details interessant, auch in unmittelbaren Hörvergleich mit der zuletzt editierten Aufnahme (Masters choice) des von mir sehr geschätzten Alfred Brendel behielt sie meine Bewunderung. Daran ändert für mich auch nicht so viel, dass die Pianistin sich stellenweise ganz offensichtlich nicht den Vortragszeichen des (Ur-)Textes verbunden fühlt. Warum sie - bei aller sonst von ihr überzeugend vorgebrachten Schätzung für den Komponisten - sich nicht für einen Notentext entscheidet, der es zumindest anstrebt, den Intentionen der Niederschrift Beethovens nahe zu kommen, kann ich nicht nachvollziehen. Das ändert aber nichts daran, dass ich immer wieder schönes und faszinierendes in Aufnahmen und beim Live-Spiel dieser Musikerin und Pianistin erleben kann.