"Gipfelstürmer"' betitelt der Bremer Kritiker 'Sagittarius' seine Rezension zur CD von Michael Leslie mit der Hammerklaviersonate und den Diabelli-Variationen. Beide Werke zählen - darüber gibt es keinen Zweifel - zu den Gipfeln der Klaviermusik. Für Andras Schiff ist die Hammerklaviersonate 'das schwierigste Werk der Klavierliteratur ' technisch, gestalterisch, atmosphärisch, metaphysisch'. Natürlich wird man skeptisch, wenn Michael Leslies Interpretation dann derart hervorgehoben, so grenzenlos bewundert wird: 'Gilels klingt geradezu harmlos in Vergleich zu Leslie'. Ist das nicht übertrieben? Dem musste ich nachgehen und hörte zahlreiche Aufnahmen, dazu noch Joachim Kaisers vierstündige Rundfunksendung ('Kaisers Corner') zur Hammerklaviersonate und zusätzlich eine Sendung zu den Diabelli-Variationen. Ich höre und vergleiche, höre wieder und vergleiche' Serkin, Arrau, Pollini, Gulda, Solomon, Schiff, Sviatoslav Richter, Gilels' Ich komme zu dem Ergebnis: Dem Rezensenten kann man nur zustimmen. Keiner hat so - wie Leslie - die spezifisch beethovensche Expressivität, den 'Furor' zum Ausdruck gebracht (mit Ausnahme vielleicht von Schnabel, dem allerdings nicht die adäquate Klaviertechnik zur Verfügung stand). Die meisten Interpretationen wirken dagegen ' zumindest auf mich - doch etwas unbeteiligt, etwas zu akademisch-risikolos, manchmal auch zu allgemein-bedeutungsvoll. Natürlich hat auch eine ruhig-intime Interpretation eines Serkin ihre Reize, aber man vermisst doch - wenn man es einmal erlebt hat - das sich Aneinanderreibende der Melodien, die spezifische Dramatik Beethovens. Sie ist etwas anderes als ein allgemein gehaltenes Pathos (etwa slawischer Färbung). Viele Pianisten haben die expressiven Seite Beethovens wenig herausgestellt, auch die Aufnahmen unserer bedeutendsten Pianisten können gelegentlich 'etwas langweilig' sein ' so Joachim Kaiser in einem Vortrag 2010 zu einer Interpretation Claudio Arraus eines späten Beethovensatzes. Nicht befriedigend, weil viel zu wenig differenzierend, ist beispielsweise Arraus auf CD vorliegender Mitschnitt der Diabelli-Variatonen (wenn auch gewiss nicht repräsentativ für diesen großen Interpreten).
Wer zunächst einmal erfahren will, welch unermessliche Ausdrucksskala Michael Leslie zur Verfügung steht, höre zunächst in die Diabelli-Variationen hinein. Die bei jeder Variation immer wieder erneut verblüffenden kompositorischen Einfälle Beethovens steht eine schier unbegrenzte Varietà der pianistischen und interpretatorischen Gestaltungsmittel zur Verfügung, die in dieser reichen, extremen und brillanten Form wohl keines Gleichen hat. Beethovens und Leslies Gestaltungsmöglichkeiten in diesem auf Kontraste angelegten Zyklus treffen in der Hammerklaviersonate gebündelt und miteinander verschränkt zusammen: Die Themen 'verbeißen sich wie Kampfhunde' (so Leslie eigene Worte im Begleitheft zur Fuge). Leslie geht auf alle Verästelungen, Nebenstimmen, Andeutungen, Engpässe ein und wahrt dennoch den großen Bogen, die Kontinuität. Bei allen kontrastierenden Gestaltungsmöglichkeiten ist jedem der Sätze ein großer durchgehender Zug eigen. Und gerade das Kontinuum, verbunden mit der Herausarbeitung der Details, mag wohl Leslies größte Stärke sein. Ähnliches erstrebt das Artemis Quartett. Durch ein extrem genaues Eingehen auf Einzelheiten und Zusammenhänge werden die späten Streichquartette Beethovens nicht nur anders, vielleicht auch richtiger als gewohnt vorgetragen: ihre Interpretationen haben das zusätzliche Plus, dass sie das Hören erleichtern. So auch Michael Leslie: Bei ihm ist das Eindringen und eine längere Konzentration auf die beiden Riesenwerke nicht ermüdend, gerade weil nichts unter den Tisch fällt und er nie langweilt. Freilich muss man als Zuhörer die Kontraste und auch die Disharmonien der Spätwerke Beethovens aushalten können, insbesondere wenn sie nicht geglättet und damit doch etwas verharmlost werden.
Auch darin hat der Amazon-Rezensent ein gutes Gespür: Leslies einziger Konkurrent ist er selbst, auch wenn 'Sagrittarius' selbst wohl nicht das Glück hatte, Leslies Münchener Gasteig-Konzert im Herbst 2009 mit der Hammerklaviersonate zu hören: An diesem Abend klang das Adagio sostenuto, vorgetragen in einem etwas langsameren Tempo, noch beseelter, ergreifender als auf der wunderbaren CD.
So kann man nur hoffen, dass diese herausragenden Aufnahmen nicht nur wenige Neugierige und Aufgeschlossene erreichen und dass dieser selbstkritische Künstler, der sich wenig um seine Karriere, dafür umso mehr sich um das Eindringen in die großen Klavierwerke bemüht, uns noch weitere CDs einspielt. Oder sollten es immer nur dieselben Allbekannten oder die ganz Jungen mit ihren fotogenen Gesichtern sein, die wir in den Medien oder in den großen Sälen zu hören bekommen, selbst in den Fällen, wo Ihnen weniger Werkverständnis und weniger pianistische Ausdrucksmöglichkeiten zur Verfügung stehen? Wann begreift das große Publikum endlich, dass man - verführt vom Cover - nicht mit den Augen Musik hört, sondern mit dem Gehörsinn und dem Musikverstand?