Da glaubt man, mit dieser Produktion von Beethovens einziger Oper eine authentische Version der Urfassung gekauft zu haben, doch alsbald stellt sich Gardiners Leonore-Projekt als ein Fassungs-Mischmasch heraus, in das sogar - etwa in der Arie des Pizarro - die Fidelio-Oper von 1814 miteinbezogen ist. Etliche Striche aus der Zweitfassung von 1806 werden ebenfalls übernommen. Kurzum: Zwar bricht das Team um Gardiner im Booklet eine Lanze für die Urfassung von 1805 und lobt überschwenglich ihre Vorzüge, dennoch scheinen die Schwächen dieser frühen Version dermaßen eklatant zu sein, dass man etliche Nummern nur retuschiert wiederzugeben bereit ist. Ohnehin wundert es den Hörer, dass ausgerechnet Propagandisten der historischen Aufführungspraxis dermaßen nonchalant zwischen den Fassungen hin und herspringen und im Finale sogar vor eklatanter Geschmacklosigkeit nicht zurückschrecken: Wiederholt wird dort die Komposition von einem Sprecher unterbrochen, der Hölderlinsche Spruchweißheiten interpoliert. Schlimmer kann man Musik kaum verhackstücken. Und überhaupt: Warum hat man nicht auf die Sprech-Dialoge der Urfassung zurückgegriffen? Sind sie dermaßen unsäglich, dass man sie vollständig durch erzählende Nachdichtung ersetzen muss? Wären nicht - von einer etwas harmlosen Leonore (Hillevi Martinpelto) einmal abgesehen - die sängerischen Leistungen insgesamt überzeugend und die Farbigkeit des auf historischen Instrumenten spielenden Orchesters faszinierend, man müsste sich über Gardiners "Leonore" ärgern. Denn von der Urfassung erhält man nur einen ungefähren Eindruck.