Zugegeben - Karajans einziger Fidelio auf Tonträger ist nicht in allen Teilen optimal ausgefallen, aber so schlecht wie Werner Ganske aus Hannover ihn darstellt, ist er nun wahrlich nicht.
Helga Dernesch ist nicht die Idealverkörperung der Titelrolle, da war Christa Ludwig in Klemperers maßstäblicher Einspielung wesentlich besser, aber Jon Vickers, der hier wie dort den Florestan darstellt, als ausgesungen hinzustellen, halte ich nicht für angemessen. Es ist bekannt, daß seine Stimme längst nicht jedem liegt, aber wenn man über einige Eigenheiten hinwegsieht, singt und gestaltet er seine Rolle ausgezeichnet. Karl Ridderbusch, hier noch auf der Höhe seiner Kunst, gibt einen überzeugenden Rocco, José van Dam einen guten Minister, und Helen Donath gelingt es, aus der Marzelline fast eine Hauptrolle zu machen. Was Kelemen anbetrifft, gehe ich mit Herrn Ganske konform.
Der Chor der Deutschen Oper Berlin wurde von Chorleiter Walter Hagen-Groll auf Hochglanz gebracht, und über die Berliner Philharmoniker braucht man ja nun wirklich kein Wort zu verlieren. Bleibt letztlich als Hauptperson der Dirigent: Herbert von Karajan leitet den Apparat souverän, allerdings möchte auch ich bemängeln, daß man von ihm eine spektakulärere, modernere Interpretation erwartet hätte. Seine Auffassung ist zu konventionell, vielleicht noch etwas zu sehr den Konventionen des 19. Jahrhunderts verhaftet. Wenn ich aber von Furtwänglers (1954) und Klemperers (1962) Aufnahmen absehe, bleibt sie für mich neben Bernsteins Wiener Einspielung erste Wahl.
Die Klangqualität der 1970 in der Berliner Jesus-Christus-Kirche entstandenen Einspielung ist hervorragend. Auch das beiliegende Textbuch ist in Ordnung; es enthält auch das vollständige deutsche Libretto.