Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten, denn Beethoven-Aufnahmen gibt es unzählig viele. Freunde von individuellen, originellen Interpretationen sind z.B. bei Gulda besser aufgehoben. Wer die Architektur und Klangkultur von Beethovens Werken schätzt, greift besser zu Brendel. Heroischer und leidenschaftlicher wird's bei Richter, einfühlsam und sensibel geht Kempff zu Werke... Backhaus, Serkin, Pollini -- die Liste ließe sich weiter fortführen.
Soll heißen: ich konnte an Otts Einspielung nichts finden, was besonders hervorgestochen wäre oder meine Aufmerksamkeit gewonnen hätte. Die Technik, die sie in ihrer Einspielung der Liszt-Etüden unter Beweis gestellt hat, kann hier nur noch bedingt als Trumpfkarte gelten. Musikalisch handelt es sich um unauffällige, brave Interpretationen, als scheue sich die Pianistin, auch mal zuzupacken oder den Noten freien Lauf zu lassen. Hier und da ist ihr Spiel schon stilvoll, z.B. im vierten Satz der Sonate Op. 2 oder zu Beginn des Rondos der Waldstein-Sonate. Dennoch bleibt im Gesamtbild wenig haften.
Das alles heißt nicht, dass junge Künstler gegen die alten Tastenlöwen per definitionem keine Chance haben. Aber etwas mehr ist dann schon nötig...