Aus der Amazon.de-Redaktion
Bernholms Vorstellung ist der Debütroman des 22-jährigen österreichischen Autors Daniel Kehlmann. Kehlmann lebt in Wien und arbeitet als freier Mitarbeiter der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Der Roman erzählt die Lebensgeschichte des Magiers Arthur Beerholm. Gleichzeitig ist es das Buch eines Suchenden, eines Suchenden auf der Suche nach einer Art höherer, magischer Existenz.
Beerholms Kindheit und Jugend ist dadurch gekennzeichnet, dass er moderat unglücklich wurde. Mit zehn Jahren kam er in ein Schweizer Internat, mit 23 empfing er die niederen Priesterweihen. Diese Faszination für Theologie entstand aus einem noch undeutlichen Lebenziel heraus, "Ich wollte mir über eine Möglichkeit, die in der Ferne Gestalt annahm, klar werden, über eine irritierende mathematische Konstellation, über zwei Parallelen, die sich in einer nebligen Unendlichkeit berühren wollen.", so reflektiert Beerholm über die ersten Zauberkunststücke seiner Jugendzeit.
Vom Priesterkandidaten wechselt er zum Zauberer, macht kleine Kunststücke und arbeitet als Betrüger beim Pokerspiel. Sein Traum verwirklicht sich aber, als er sich als Schüler dem großen Magier Jan von Roden aufdrängt. Arthur Beerholm bringt es mit von Rodens Hilfe zum besten Täuschungskünstler der Welt. Auf dem Höhepunkt seines Schaffens gelingt es ihm sogar, der Materie seinen Willen aufzuzwingen. Er kann Schaufensterscheiben zersplittern lassen und setzt in einem Park einen Busch in Brand. Ihn selbst lassen seine Erfolge allerdings ziemlich kalt, denn das Ziel seines Lebens, jene zwei Gegensätze, Realität und Fiktion haben sich für ihn ununterscheidbar vermischt.
Fasziniert beobachtet er, wie er als Magier so perfekt wird, dass Dinge und Welt ihm zu gehorchen scheinen und seine Zauberkunststücke wie von selbst gelingen. Am Ende kündigt er an, aus dem Fenster zu springen und seinem Leben ein Ende zu bereiten.
Beerholms Vorstellung ist ein solide erzählter Roman ohne große Aussetzer. Beerholm ist ein bemühter Selbstdarsteller, ruhig und abgeklärt erzählt er sein Leben. Sein Erzählstil ist erklärend, reflexiv, allerdings ohne geschwätzig zu sein oder Überflüssiges zu erzählen. Die faszinierende Kälte von Beerholms Empfinden fängt Kehrmann mit Hilfe eines äußerst lakonischen und zurückhaltenden Stils ein. Allerdings ist das Buch nicht ohne Längen, die vor allem auf den ersten 100 Seiten des Buches zu suchen sind.
Der Roman ist ein beachtlicher Erstling ohne große Schwächen, gut zu lesen, allerdings auch ohne große Stärken und spektakuläre Schilderungen; ein interessantes Stück reflexiver Prosa. --Christoph Steven
Neue Zürcher Zeitung
Im Zeichen der Hyperbelkurve
«Beerholms Vorstellung»: Daniel Kehlmanns Romandébut
Ein junger Mann sitzt auf der Aussichtsterrasse eines Fernsehturms. Einen ganzen Monat lang ist er jeden Tag hergekommen. Er hat sich immer an den gleichen Tisch gesetzt: ganz am Rand, neben dem Geländer, am Abgrund. Die Kellner kennen ihn und behandeln ihn mit zuvorkommendem Respekt. Tag für Tag sahen sie ihn kommen mit der Aktentasche unter dem Arm; jeden Tag sahen sie ihn an seinem bevorzugten Tisch schreiben, mal mehr, mal weniger. Nun ist der letzte Tag des Monats gekommen, und der bekannte Zauberkünstler Arthur Beerholm schreibt am letzten Kapitel seiner Lebensgeschichte. Bleibt ein Ausblick auf das, was noch aussteht: das freilich ist in wenigen Worten erzählt, wenn auch mit gewissen Unwägbarkeiten behaftet. Der Ausgang der Geschichte wird mit den Gesetzen der Schwerkraft, der Fallgeschwindigkeit von Körpern und der Herbeiführung der Unendlichkeit zu tun haben.
Der 1975 in München geborene und in Wien lebende Daniel Kehlmann hat in seinem Romandébut «Beerholms Vorstellung» einen diskreten, aber bis zur letzten Seite tragenden Rahmen gegeben. In zwölf Kapiteln lässt er den Zauberkünstler Beerholm von seinem erhabenen Standpunkt aus Rückschau halten: auf ein Leben, das in mehrfacher Hinsicht im Zeichen der Hyperbel stand. Erst erschütterten den Jugendlichen die mathematischen Probleme der Unendlichkeit so sehr, dass er sich von der fallenden Hyperbelkurve herunter in die Theologie rettete (um da über Pascal zu promovieren). Später und kaum den Theologen entronnen, trug ihn seine zur Perfektion getriebene Zauberkunst auf der steigenden Hyperbelkurve in schwindelerregende Höhen des Erfolgs. Nun steht ihm ein letzter Höllenritt auf dieser Kurve bevor, diesmal in entgegengesetzter Richtung: Zeit also für eine letzte Rechtfertigung.
Die Apologie richtet sich an eine Frau, die an Stehparties und ähnlichen Gelegenheiten durch das Buch geistert, sonst aber mysteriös im Hintergrund bleibt. Was der Erzähler von ihr behauptet: er habe, gerade «wie ein Bildhauer seine Figur aus dem Stein holt», sie «aus dem Reich des Möglichen geschält», wir müssen es ihm, dem Zauberer (wenn auch widerwillig), glauben. Ihr, seiner Geliebten, die ihn, kaum erschaffen, auch schon verlassen hatte, erzählt er von seiner Herkunft: Einen Vater hatte er nicht, die Mutter gab ihn zur Adoption frei, die Stiefmutter wurde vom Blitz erschlagen, den Stiefvater nannte er nur bei seinem Familiennamen. Ausführlich schreibt er ihr, wie er in die Theologie ein- und wieder ausstieg und wie er, gegenläufig, der Zauberei entrann und wieder verfiel: weit brachte er es in seiner Kunst zuletzt. Nur zu weit. Wohl wissend, dass hinter seiner Kunst die Lüge steckt, wollte er dennoch Magier sein, nicht bloss ein Clown, der «ständig zu dem, was er tut, entschuldigend grinst». Bis ihm die Sache eines Tages ausser Kontrolle geriet und seine Gedanken sich unmittelbar in Wirkung umsetzten: brennende Büsche etwa oder berstende Schaufenster. So jedenfalls behauptet er es in seinem Lebensbericht. Was folgt, ist nur noch ein trauriger Abgesang: eine letzte, missglückte Vorstellung, danach Flucht und zuletzt, einen Monat lang, der tägliche Gang auf den Fernsehturm.
Daniel Kehlmann erzählt das alles durchaus geschickt. Allenthalben setzt er wie Warnlichter Vorzeichen ins Geschehen. Mitunter beschleunigt er das Erzähltempo, doch nur, um schon Seiten später die Handlung wieder zu verschleppen. Man spürt sein Talent für die Choreographie der Figuren und die Dramaturgie der Handlung. Freilich: Mit blindem Griff bedient er sich in der Metaphernkiste und greift oft daneben: mal sind seine Bilder schlicht albern («irgendwo in mir hob sich eine schwere, schaumgekrönte Welle aus Stolz»), gelegentlich aber regelrecht hanebüchen («Das Waser auf dem Boden bemühte sich hastig, zu Dampf zu werden»).
Und noch ein Einwand wiegt schwer: Daniel Kehlmanns Roman weist verdächtige Ähnlichkeit auf mit Hermann Burgers Erzählung «Diabelli». Sowohl in der Erzählsituation (Burgers Zauberkünstler Diabelli erträgt «den Blick hinter die eigenen Kulissen» nicht mehr und zeichnet in einem Abschiedsbrief einige Erinnerungen auf) wie in der Figurenzeichnung häufen sich auffällige Parallelen. Auch Diabelli ist ein Adoptivkind und also herkunftslos und versteht seine Kunst als Versuch, die verlorene Mutter herbeizuzaubern. Wie Beerholms Lebenskurve steht auch seine im Zeichen der Hyperbel, und sein Selbst droht er im Augenblick zu verlieren, als ihm die Zaubertricks in Magie umzuschlagen scheinen. Vieles, was uns Kehlmann von seinem Beerholm sagt, liest sich bei Burger besser und konzentrierter. Mit ein wenig mehr Umsicht hätte Kehlmann dem Vergleich zuvorkommen müssen; nun fällt er für sein im übrigen beachtliches Début leider weniger schmeichelhaft aus.
Roman Bucheli
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.