Prof. Klaus E. Müller leistet auf 127 Seiten eine leichtverständliche und fundierte Einführung in das religiöse Phänomen des Schamanismus. Der Stoff ist aufgeteilt in die Kapitel Problematik, Vorkommen, Kosmologie, Heranbildung, Praxis, Schamanenleben und Erklärungsversuche, wobei Grundlegendes erklärt und anhand von Beispielen, oft aus Nordasien, erläutert wird.
Wer Müller kennt, weiß, daß er gerne ordnet und systematisiert, was bisweilen etwas an der Realität vorbeiläuft, denn Schamanismus läßt sich nicht strikt in 3 Typen untergliedern, wie im Unterpunkt „Typologie" geschehen. (Als Blick auf die Berührung mit schamanischen Realitäten sei an dieser Stelle z.B. Amélie Schenks Artikel in dem von ihr und Christian Rätsch herausgegebenen Curare-Sonderband 13/1999 „Was ist ein Schamane?" empfohlen.) Ebenso sei dem Laien gesagt, daß Müllers im Vorwort angesprochene These, bei bestimmten jungpaläolithischen Höhlenmalereien (z.B. in der Höhle von Lascaux) handle es sich um Darstellungen einer schamanistischen Séance, aus Mangel an Beweisen eine Mutmaßung bleiben muß. Ansichten wie die von Vajda, der schon 1964 äußerte, der Schamanismus sei keine ursprüngliche Religionsform, vielmehr sei er jünger als die Kulturen, denen seine Elemente entstammen, diskutiert Müller nicht. Man sollte also nach Müller unbedingt weiterlesen, will man ein breiteres Bild bekommen oder interessiert man sich für (regionale) Besonderheiten.
Müller verzichtet im Text fast gänzlich auf Belege; die genannte Auswahlliteratur beschränkt sich auf 9 Werke. Eine Schamanismus-Definition bzw. eine Diskussion vorliegender Definitionen sucht man bei Müller vergebens, Abbildungen übrigens auch.
Dennoch: Müllers Einführung ist um Längen besser als andere populärwissenschaftliche oder gar esoterische Werke. Gerade Esoterik-/Neoschamanismus-Fans sollten Müller lesen, um zu verstehen, warum es für Berufene alles andere als eine große Freude war, das Amt des Schamanen anzutreten. Und warum es fraglich ist, ob Schamanismus heute noch funktionieren kann.