2.0 von 5 Sternen
Geschätzig und gewöhungsbedürftig - aber eventuell hilfreich, 13. April 2010
Rezension bezieht sich auf: Beating the King's Indian and Grunfeld (Everyman Chess) (Taschenbuch)
Ein Eröffnungsbuch im renommierten Everyman Chess Verlag erschienen, behandelt jeweils 2 Varianten gegen Königsindisch und Grünfeldindisch.
Es sind dies die
Martz - Variante: 1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 Lg7 4.e4 d6 5.Le2 0-0 6.f4 und die
Liz - Variante: 1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 Lg7 4.e4 d6 5.f4 0-0 6.Sf3
gegen Königsindisch, sowie als Waffen gegen Grünfeld-Indisch die
Knezevic -Variante 1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 d5 4.e3 Lg7 5.Db3 und die
Keres -Variante 1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 d5 4.Sf3 Lg7 5.e3
Ein erster Blick ins Buch erweckt große Erwartungen:
Die Aufmachung ist hervorragend, viele Diagramme - häufig zwei bis drei auf einer Seite, Zweispaltendruck, alles sehr übersichtlich und sympathisch gestaltet.
Und natürlich das entscheidende für den Schachfreund:
Die vier oben genannten Varianten sollen auf stolzen 239 Seiten anhand 53 ausführlich kommentierter Partien erklärt werden. Sofort fällt auf, dass die Partiekommentierung sich nicht - wie häufig bei Theoriewerken - aufs symbolhafte, informatormässige beschränkt, sondern dass alle Hinweise und Kommentare in Textform erfolgen.
Nachdem man zudem im Klappentext erfahren hat, das Timothy Taylor ein anerkannter Autor ist und außerdem sein "How to defeat the Smith Morra Gambit" ein Bestseller auf dem US amerikanischen Schachbuchmarkt war, stürzt man sich mit Freuden auf die Leküre.
Als Hinführung zu den empfohlenen Eröffnungssytemen wird zunächst unkommentiert eine Partie mit der Mar del Plata Variante (Kasparov-Gelfand) angeführt, die weitausanalysierte Theorie dieses Abspieles beklagt und nach Befragen der Big-Database" , was übrigens häufig in diesem Buch als Beweismittel dient - zur verhältnismäßig selten gespielten Martz Variante zufällig eine eigene Gewinnpartie Taylors angeführt.
Nachdem man noch en passant der im Buch oft verwendete Begriff "Tabia" = Ausgangsstellung der Variante eingeführt wird, folgen drei Partien Aljechins, mit dem Hinweis dass es keine bessere Einleitung zu Vor- und Nachteilen des Vierbauernangriffs geben kann.
Spätestens an dieser Stelle fallen zum ersten Mal der ungewöhnliche Schreibstil und die mehr als gewöhnungsbedürftigen "Weisheiten" Taylors auf, die man zu Dutzenden zitieren könnte.
Erkenntnisse wie "die Kraft der Eröffnung kann man daran sehen, dass Aljechin nach spätestens 20 Zügen auf Gewinn stand..." , oder dass "Jose" und "Tigran" gemeint sind Capablanca und Petrosjan trotz zweier Kurzsiege so schockiert über das Risiko, welches sie mit der Wahl des Vierbauernangriffes eingegangen waren , niemals mehr gewagt haben, die Variante zu wiederholen, sind wohl eher unter dem vom Verlag als "unterhaltsames Buch" einzuordnen, denn als Information.
Wahrscheinlich ist es für Taylor-Fans auch unterhaltsam in einer von insgesamt 13 vollständig angeführten eigenen Partien zu erfahren, dass der Autor die Zufolgen seiner Varianten verwechselt, weil er zwischen den Zügen dauernd damit beschäftigt war, seine zukünftige Frau Liz zu küssen. Aber trotzdem habe er jede Partie in dem betreffenden Turnier gewonnen.
Ein zweiter Blick auf den Buchdeckel informiert den Leser, dass Taylor nicht nur Schachbestseller schreibt sondern auch zwei Romane veröffentlicht hat und einen Film Regie führte.
Also sicher ein Kultautor, den der ungebildete Rezensent nicht kennt.
Höchste Zeit das handwerkliche, schachspezifische zu untersuchen.
Was die Kommentare angeht, so fällt zunächst auf, dass Taylor so gut wie nie auf eigene Ideen oder Erkenntnisse hinweist. Er gibt brav die Quellen an , wenn er Kommentare zitiert, aber bei eigenen Versuchen bleibt es häufig beim vielleicht" oder sehr oberflächlichen Anmerkungen.
Das Zusammentragen und Ordnen des Materials macht er aber gut.
Mit zunehmender Lektüre wird man den Eindruck nicht los, dass es dem Autor darum ging, dass was er zu den vier Systemen zu sagen hat, durch trivialste Ergänzungen auf 240 Seiten zu strecken. Der Leser erfährt zum Beispiel dass in einer Stellung mit entscheidende Vorteil wegen Zeitnot weitergespielt , aber die Züge nicht aufgeschrieben wurden oder der oft übersehene diagonale Rückzug, eine extrem schwergewichtige Begegnung
Für Schachfreunde, die auf abgelegenem Terrain Grünfeld und Königsindisch bekämpfen wollen, ist das Buch trotz allem zu empfehlen. Wer sich die unzähligen Boumonts des Autors sparen möchte, ist sicher mit gut kommentierten Partien auf der so häufig zitierten Big Base besser bedient.
Um die Kaufentscheidung je nach Geschmack etwas zu erleichtern meine "Lieblingsliste" der Stilblüten:
Eines dieser "Schach für Vollidioten" Bücher würde sagen dass Weiß geplatzt ist
Schwarz kann um Remis beten, um Remis zu betteln kann nicht empfohlen werden
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