Eines vorweg: Die vorliegende Kombination zweier LPs der Beach Boys aus dem Jahr 1965 belegt, dass es ein sträflicher Fehler wäre, jede Rezeption dieser Band allein am Fluchtpunkt "Pet Sounds" (1966) auszurichten; dennoch beziehe ich mich oft auf dieses "beste Album des Milleniums" (Grammy Award) - einfach, weil ich davon ausgehe, dass die meisten Interessenten an "Today!"/"Summer Days" über "Pet Sounds" zur Musik des Quintetts um die Gebrüder Wilson gekommen sind.
Sowohl "BB today!" als auch "Summer Days (and Summer Nights...)" werden dem Anspruch gerecht, die unmittelbaren Vorläufer von "Pet Sounds" zu sein - allerdings jeweils auf ihre eigene Weise und insofern sehr unterschiedlich. Das jüngere "Summer Days" stellt vor allem den entscheidenden Durchbruch zur Klangwelt von "Pet Sounds" dar; hingegen besticht es in kompositorischer Hinsicht eher durch kongeniale Einzelstücke (nicht weniger als sieben an der Zahl, darunter in meinen Augen der beste Pop-Song der Beach Boys, "Let him run wild"!) denn als Gesamtkunstwerk.
Das wirkliche Meisterwerk unter den beiden auf einer CD versammelten Originalalben ist das erste, "BB today!". Hier berührt jeder Song, außerdem wurden die einzelnen Stücke in eine ganz organische Reihenfolge gestellt, welche von höchster Sorgfalt bei der Komposition des Gesamtwerks zeugt. Hier ist kein Tune entbehrlich, ohne dass damit die immanente Logik der Platte gestört würde! Auf Seite A versammeln sich weniger die kontemplativen, eher die flotten und anstachelnden Nummern. Die LP setzt ein mit einem der besten von allen BB-Covers (neben "Hushabye" und natürlich "... an then I kissed her"): "Do you wanna dance". Bereits hier deuten die Pauken, gepaart mit den himmlischsten Harmonies der fünf Jungs - in diesem tollen Doppeleffekt gewinnt das Lied erst ein ordentliches Klangspektrum! -, darauf hin, wieviel Mühe Brian Wilson in die Produktion gesteckt hat. Im folgenden überrascht jeder Song mit einem neuen Kabinettstückchen. Gegen die fünf vorhergehenden Nummern gewinnt da das bekannte "Dance, dance, dance" regelrecht einen nostalgischen oder gar überholten Charakter: Zu sehr klingt es nach den Zeiten des "Surfer Girl", die nun endgültig vorbei sind.
Auf Seite zwei des Albums findet sich eine geschlossene Reihe introspektiver, ganz ruhiger, ja fragiler Aufnahmen von erschütternder Ausstrahlungskraft. Hier legt Brian Wilson das erste Mal im Album-Format seine Seele offen, und kein Zeugnis gewann je wieder die simplizistische Authentizität von "In the back of my mind": I have everything... Even though sometimes I could break out in tears: In the back of my mind I still have my fears." Keine Songsequenz der Beach Boys ist berührender als Track 7-12 von Today.
Eine letzte Anmerkung am Rande: Wer "Beach Boys today!" kennt, zweifelt an Brian Wilson's grundlegendster Fähigkeit zur Selbsteinschätzung. Denn nach seinen eigenen Angaben habe ihn erst "Rubber Soul" der Beatles dazu inspiriert, mit "Pet Sounds" ein geschlossenes Album als Gesamtkunstwerk und komplexes Statement aufzunehmen. Dabei hat er dies doch mit Today bereits getan - länst vor der Veröffentlichung von Rubber Soul, nicht nur in den Staaten! Tatsächlich weisen beide Alben auch frappierende Parallelen im Bereich des Songwriting, v.a. aber bezüglich der Produktion auf - man höre nur auf den zwei LPs die Perkussionskonstruktionen an! Nur: Was "Rubber Soul" definitiv an Coolness und Spritzigkeit voraus hat, holt Today - trotz "In my life", "Girl" und "You won't see me" - an Sentiment sowie kompositorischer Klasse, und dazu an innovativem Potential, doppelt ein.