Vorbemerkung zur unten stehenden Rezension:
Ich stimme der unten gemachten Aussage, dass es sich bei Corinne Lehmanns Buch um eine wertvolle Lektüre handelt nach wie vor vollumfänglich zu. Meine Einstellung zur Vereinbarkeit von Deutscher und Französicher Reitlehre (wenn ich das einmal so platt nationalistisch darstellen darf), hat sich jedoch sehr geändert. Die Deutsche Reitlehre auf der Basis von Steinbrecht basiert im Wesentlichen auf der Idee des Vorwärts und des Spannungsbogens im Pferderücken, den dieses Vorwärts erzeugt. Die Idee von einem den Reiter tragenden Spannungsbogen wird dann ausbuchstabiert in einer Ausbildungsskala, die die ganzheitliche Bewegung des Kopplungs-Systems Reiter/Pferd, im Sinne von Gleichzeitigkeit der Bewegungen und Hilfen verfolgt: Vorwärtsreiten heisst demnach in der Praxis sein Pferd im Leichttraben mit aktiven Schenkel nach vorne zu treiben, während man/frau es vorne gleichzeitig nicht verliert, was also bedeutet, dass vorne die Zügel angenommen sind (und durch die tiefe Handhaltung bedingt in der halben Parade nach hinten wirken). So soll der Spannungsbogen entstehen durch Gleichzeitigkeit von treibenden, verhaltenden, Schenkel-, Gewichts- und Zügelhilfen.
Die "französische" Reitlehre alla Philippe Karl oder Jean Claude Racinet (bei allen Unterschieden zwischen den beiden), propagiert demgegenüber ein getrenntes Bewegen der Systemelemente dieses Kopplungsystems. D.h.: Positionierung des Kopfes durch die Hände/Zügel; Lockerung des Kiefers durch die Hände/Zügel; Positionierung der Schultern durch die Hände/Zügel; Beeinflussung der Hinterhand durch die Positionierung der Schulter (also auch über die Hände/Zügel); Impulsion/Vorwärts nur durch die Schenkel, OHNE aktives Paradensystem. Die ganzheitliche/gleichzeitige Bewegung ALLER Element des Pferd/Reiter-Systems, ist damit ERGEBNIS der Zusammensetzung der in Einzel-Arbeit erreichten Bewegungen der Elemente dieses Systems, nicht der Anfangspunkt der Ausbildung; Balance/Beweglichkeit stehen damit vor Spannung/Versammlung nicht umgekehrt (Corinne Lehmann beschreibt ja das Untertreten des inneren Hinterbeines beim auf dem Zirkel vorwärts-gerittenem Pferd als Beginnpunkt der Versammlung). So steht auch der Idee der Deutschen Reiterei von einem "Spannungsbogen" zwischen Vorder- und Hinterhand, vor allem in Karl's Schule der Legerete eine deutliche Längung der Körpervorderseite des Pferdes durch Hebung des Halsansatzes ins horizontale Gleichgewicht gegenüber.
Der Unterschied zwischen "Deutscher" und "Französischer" Reiterrei, ist damit analog dem Unterschied zwischen Feldenkrais und Turnen: Wärend Ersteres zunächst mal Ideen von den Bewegungsmöglichkeiten der einzlnen Elemente des Systems Mensch auslotet und anlegt, strafft zweiteres lediglich die Muskeln und Bänder in bestimmten Bewegungen, die das System schon kennt.
Das ist so nicht einfach so miteinander vereinbar, auch wenn es, wie unten richtig gesagt Ähnlichkeiten und Überschneidungen gibt.
Letztlich scheint es jedoch klar, warum die Schule der Legerete bei jenen, die keine hochtalentierten Pferde besitzen immer mehr Freunde gewinnt: Weil sie erklären kann, wie ich auch einem weniger-talentierten Pferd anmutige Bewegungen vermitteln kann.
Ursprüngliche Rezension:
Gustav Steinbrecht prägte diese Formel in seinem Buch "Das Gymnasium des Pferdes" und legte mit ihr den Grundstein der modernen deutschen Dressurreiterei. Leider war es auch Gustav Steinbrecht, der die Polemik gegen Francois Baucher so in die Höhe trieb, dass sein "Vorwärts und gerade" seit dem als das Gegenteil der französischen Legerete erscheint. Zwei Lager stehen sich gegenüber, von dem das eine - die Deustchen - dem anderen - die Franzosen - vorwirft spannungslos zu reiten, keine echte Oberlinie zu kreiieren sondern lediglich durch Flexions- und Abkauübungen den Hals des Pferdes künstlich zu manipulieren. Da werden Horrorvisionen gemalt von mit durchgedrücktem Rücken und künstlich hochgezogenem Hals piaffierten Pferden. Anders herum lesen die Franzosen Gustav Steinbrecht und sein "Vorwärts und gerade" im Sinne eines permanent das Pferd maltretierenden Schlenkerschenkels, der das vergewaltigte Geschöpf gegen die gnadenlos anstehende, oft rückwärts wirkende Hand treibt. D.h. vorwärts bis das Pferd vor Angst, Überanstrengung oder was auch immer klatsch nass geschwitz ist. Reiten als Hochleistungssport eben, der sich weit, weit von den klassischen Wurzeln der ehemaligen Reitkunst entfernt hat. Leider geben die Bilder auf Dressurturnieren hier immer wieder und immer öfter recht...
Corinna Lehmann hat nun ein Buch geschrieben, dass zwar nicht auf das französische Reiten eingeht, aber äußerst angenehm zeigt, dass die Deutsche Reitlehre nach Steinbrecht alles andere als notwendigerweise das Gegenteil der Legerete ist: In äußerst logischen Schritten erklärt sie, warum ein Pferd von hinten nach vorne gearbeitet werden sollte, und wie Geraderichtung zu erreichen ist. Dabei legt sie ihr Augenmerk auf Bereiche, die andernorts nicht immer die gebürende Beachtung finden: Das Mitsitzen mit der Pferdebewegung und das daraus folgende Impulstreiben in der Schwebephase des Hinterbbeins, wird ebenso ausführlich behandelt wie die Idee das Pferd über den äußeren Zügel in der Schulter zu lenken. Letzteres eine Technik, die unter dem Schlagwort Neck-Reining im Westernreiten bekannt wurde und auch von Philippe Karl in seinen "Irrwegen" beschrieben wird. Lehmann entwickelt schliesslich eine Skala des Reiters, die die bekannte "Skala der Ausbildung" auf sehr verständliche Weise in konkrete Handlungsweisen für den Reiter übersetzt: Sitzen, Treiben, Lenken, Stellen/Biegen, Bremsen lauten die Basis-Tätigkeiten des Reiters, die sie dezidiert analysiert, erklärt und mit leicht verständlichen Übungen belegt.
Indem Lehmann in ihrem Buch auf diese Weise das sonst oft nur Implizierte expliziert und vor allem dem Anfänger/der Anfängerin damit nachvollziehbar macht, rückt sie Steinbrecht eben doch zurück in die Reihe der klassischen Dressur, in welcher er dann garnicht mehr so weit weg von den Franzosen erscheint. Einzig was Lehmann übersieht bzw. unterschätzt, ist, dass Reiten alla Vorwärts und gerade in dem schönen biomechanischen Sinne, in dem sie es zu recht einfordert, bereits eines grundgeschulten Pferdes bedarf, dass keine gravierenden Mängel wie Hirschhals/Sternguckersyndrom, Aufrollen, prinzipielle Schenkel- und Arbeitsverweigerung, Taktprobleme (z.B. Gangpferde) etc. zeigt. Würde sie auch solche Pferde behandeln/reiten und nicht nur zum Weiterverkauf empfehlen (wie ihr Gedichtchen zum Thema "Treiben" in der letzten Strophe zeigt), dann wüsste sie, warum die französische Reitkunst alla Baucher/Philippe Karl/Racinet eine sehr sinnvolle Ergänzung zum Vorwärts und Gerade darstellt. Aber diese kann sich die Leserin/der leser ja aus den Büchern Philippe Karls holen...
Insgesamt: Ein ganz hervorragend strukturiertes Buch, mit tollen Tips, Einsichten und Erklärungen. Gerade für Anfänger, aber durchaus auch Fortgeschrittene geeignet.