Dieses Buch, im Original als "Fractals for the Classroom, Part 1" erschienen, ist für mich, zusammen mit dem zweiten Band, "Chaos -- Bausteine der Ordnung", definitiv das Standardwerk für jeden, der sich ernsthafter mit Fraktalen auseinandersetzen möchte. Während sich dieser Band eher mit fraktaler Geometrie beschäftigt, setzt sich der zweite Band eher mit der Chaostheorie auseinander.
Wie Peitgen in der Einleitung selbst sagt, ist es "weder ein typisches Mathematikbuch noch ein übliches populärwissenschaftliches Buch". Peitgen und seine Mitarbeiter beleuchten hier das Phänomen der Fraktale umfassend, mit Tiefgang und äußerst verständlich. Viele populärwissenschaftliche Bücher lassen ja jedes mathematische Detail weg (wie Penrose sagte: jede mathematische Formel verringert die Leserzahl um die Hälfte), doch ist es nunmal bei einem mathemtischen Phänomen wie Fraktalen unerlässlich, auch die eine oder andere Formel zu bringen.
Das Niveau ist dennoch meines Erachtens nicht zu hoch angesiedelt. Die technischen Details werden, vom Text gesondert, grau hinterlegt und können auch übersprungen werden, ohne dass das wesentliche Verständnis auf der Strecke bleibt. Man erfährt viel über das Prinzip der Rückkopplung, das Fraktalen zugrundeliegt, über die klassischen "Monsterkurven" des frühen 20. Jahrhunderts, über Selbstähnlichkeit und fraktale Dimension, über die Modellierung natürlicher Formen mit Hilfe von IFS, und schließlich über das Wechselspiel zwischen Zufall und Determinismus. Jedes Kapitel endet mit einem kleinen Basic-Programm, mit dem man auch ohne große Programmierkenntnisse Fraktale selbst erzeugen kann.
Ich kann das Buch sowohl als Lehrbuch als auch einfach nur als Lesebuch jedem empfehlen, der sich etwas mehr mit Fraktalen beschäftigen möchte. Für mich gehörte das Buch jahrelang zum Standardrepertoire, wenn ich Fragen zu Fraktalen hatte. Interessant sind auch die kleinen historischen oder mathematischen Einwürfe, die in erster Linie nicht viel mit Fraktalen zu tun haben, aber dennoch viel Wissenswertes und Erstaunliches zutage fördern. Zudem ist das Ganze mit zahlreichen Abbildungen garniert, so dass vieles einfach anschaulich klar wird.
Natürlich -- ein bißchen mathematisches Interesse sollte man mitbringen, und man sollte sich auch nicht von mathematischen Formeln abschrecken lassen. Dann aber ist dieses Buch eine wahre Fundgrube. Man muss Peitgen wirklich Anerkennung aussprechen, dass er diesen Spagat zwischen fundierter Information und guter Lesbarkeit so glänzend gemeistert hat. Ich kenne kein Einführung über Fraktale, die ähnlich informativ und verständlich ist. Und wem dieses Buch gefällt, der wird auch gerne zum ebenso gelungenen zweiten Band greifen.
Darum: Satte und wohlverdiente fünf Sterne.