1. Ausgangsposition
Anhand einer Dampfmaschine entwickelt Dörner seine These, dass sich Denken, Fühlen, Wollen und Bewusstsein aus den Merkmalen eines Steuerungssystems ergeben. Die Maschinen-Metapher wird durchgehalten, sodass die ganze dörnersche Seele durch diese Klammer als aus einem Guss wirkt und damit auch überzeugend ist. Dörner gehört zur experimentellen Psychologie, wo bewiesen gehört, was behauptet wird, mit segensreichen Folgen.
2. Beispiele
Alle Motive kennen einen Sollbereich. Wird dieser unterschritten, dann bemühen wird uns, den Sollbereich wieder zu erreichen. Das gilt zum Beispiel für das Streben nach Legitimität, das zu entsprechendendem Verhalten führt und zur Affiliation, zu Kollegialität, Freundschaft und Liebe. Ein grosses Motiv ist die Bestimmtheit, denn unter Unbestimmtheit scheinen wir zu leiden. Das Dumme dabei ist, das mit dem Sprechen und Denken jede geklärte Frage eine Vielzahl offener Fragen bringt, also mehr Unbestimmtheit. Die erste Lösung der Menschen dafür, sagt Dörner, ist die Religion, die Zweite die Ideologie. Hauptsache, wir fühlen uns irgendwo zuhause, wo alles klar ist, bestimmt und nach Möglichkeit einfach. Dafür nehmen wir gerne in Kauf, dass die Realität beschnitten wird, dass vieles ausgeblendet wird, dass wir einer Wirklichkeitsstörung unterliegen.
Wichtigkeit, Bedürfnisstärke, Erfolgserwartungen bestimmen die Motivselektion und die bilanzierende Lust-Unlust-Bilanzierung greift ein, wo nötig. Das setzten wir um in ein Handeln, das aufgedröselt wird nach Auflösungsgrad, Aktiviertheit, Dringlichkeit und mitbestimmt wird durch die Kompetenz. So ungefähr. Bei Dörner werden alle Begriffe aufgeklärt und es geht hier mehr darum, in welche Detailliertheit, Fülle und Tiefe der Stoff ausgebreitet wird.
3. Ausweitung der Kampfzone
Weil jeder lernt, indem er sich selber einen Weg sucht, sagt Dörner im Vorbeigehen, dass elterliche Fürsorge ein Lernhindernis sei und an Berliner Balkonen analysiert er die Unbestimmtheitsreduktion auf homöopathische Dosen, die gerade noch erträglich sind. Solche Kicks liest man immer wieder, so auch gegen die verbreiteten, wolkigen Unklarheiten in gewissen Wissensgebieten.
Kommen wir zum Eindruck, denn wir können hier nicht 800 Seiten ausbreiten.
4. Der dörnersche Ton
Der dörnersche Ton ist heiss: Es geht Schritt für Schritt, ganz vor- und umsichtig. Bei Gelegenheit werden Witzchen eingestreut und an Beispielen für die Thesen mangelt es nicht, sodass wir z.B. oft vom Leberkäsebrötchen hören, das der Bäcker bei der Uni anbietet. Jeder Schritt wird in Schemen und Grafiken aufgelöst, sodass man bei Bedarf alles daran memorieren oder verfestigen kann. Immer wieder fallen Stoffrepetitionen an, weil alles zusammenhängt. Die Fragestellungen werden klar aufgerissen und die Beantwortung wird zusammengefasst. Das verweist auf den Vorlesungshintergrund und macht das Buch lesbar und didaktisch. Der Autor nimmt einen bei der Hand und erklärt die Welt according to Dörner. Der Bezug zum eigenem Verhalten ist oft eklatant, sodass wir im Ergebnis bewusster agieren und vielleicht Fehler vermeiden, also auch ein aufklärerisches Buch.
5. Fazit:
Bauplan einer Seele" ist ein hochinteressantes, detailliertes, lesbares und hilfreiches Buch.