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«Baumgedichte» von Michael Hamburger
Von Beatrice von Matt
Michael Hamburger wählt seine Freunde mit Sorgfalt. Er verlässt sich nicht nur auf Menschen. England, das klassische Baum-Land, hat ihm die Bäume nahegebracht. Mit ihnen hält er wachsam, tatkräftig lange schon Umgang. Bäume stiften engste Heimat, nächste Umgebung, den Ort, der für Hamburger dialektisch zur Universalität der Gedanken und Interessen gehört. «Menschen können überall Wurzeln schlagen», sagt er im Essay «Regionalismus, Nationalismus, Internationalismus». Doch «selbst Bäume können verpflanzt werden. Von den in Grossbritannien für einheimisch gehaltenen Bäumen und Pflanzen gibt es nur wenige Arten, die nicht irgendwann eingeführt wurden.» 1933, im Alter von neun Jahren, ist Michael Hamburger als jüdischer Emigrant aus Berlin nach England gekommen. Die Bäume, die in der milden feuchten Luft so prächtig gedeihen, kennt er inzwischen.
Als er als Übersetzer, Lyriker und Dozent in Reading wohnte, begann er «ernsthaft mit der Gartenarbeit und wurde Apfelbaumspezialist». In London hat er einen Feigenbaum gezogen und ihn mitgenommen in «eine kältere Landschaft mit Nordseestürmen». Da lebe das Gewächs nun seit zehn Jahren, sei fruchtlos noch lange nicht erwachsen. Mit der Landschaft ist Middleton gemeint, eine Gegend in Suffolk, im besonderen ein Garten dort, wo Baum für Baum sein Freund geworden ist. Von der liebevoll sachlichen Zuwendung zeugen die «Tree poems» von 1995. Soeben sind sie in einer zweisprachigen Ausgabe herausgekommen, von Peter Waterhouse wie schon Hamburgers «Traumgedichte» ins Deutsche übertragen.
Philosophie und Botanik
Wie der Freund, der verwurzelte, sich wehrt gegen Sturm und Winter oder gegen die Eingriffe der Menschen, ob er überlebt, wie er stirbt, das sind die Kriterien. Die Beobachtungen des so unterschiedlichen Verhaltens geraten zur Philosophie. Schon gleich das erste Stück «Willow»/ «Weide» stellt existentielle Fragen: «Hart- oder Weichholz? / Es ist leicht, irritierend, / Nicht kleinzellig, langlebig / Wie Eiche; gleicht das aus / Durch trotzige drahtige Zäheit / . . .» Die Weide hintertreibt den Tod, bildet Wurzeln aus abgetrennten Zweigen, aus dem gefallenen oder gefällten Stamm. Zündet man getrocknete Reste an, verraten sie spuckend spöttisches Leben: «They'll spit.»
Wenig Widerstandskraft zeigen die uralten Ulmen, Bewohnerinnen der Eiszeit. Der Baum ist krank: «Leichnam um Leichnam / Wird gefällt und verbrannt / Von uns, ihren Bestattern.» Im Feuer geht er geruchlos von dannen. Ganz anders die Buche. Im Kamin entwickelt sie Räucherstab-Düfte. Überhaupt ist sie schön im Sterben. Noch dem verrotteten Holz entsteigen «Eisvogel Flammen, loderndes / Leuchtendes Blaugrün» («Kingfisher flames, a flaring / Of brightest blue-greens»).
Fäule, nicht Süsse verbreitet der Weissdorn, wenn er zu spät blüht. Kein Kriterium war das für Marcel Proust, der, schönheitssüchtig, nur den Frühlingsblust pries. So scheut Hamburger weder den literarischen Umgang mit anderen Baumdichtern noch aber die botanisch präzise Erörterung seiner Gartenerfahrung. Selbst nützliche Ratschläge finden Eingang in seine Verse: mit Holunder sollte man nicht einheizen. Statt Licht und Wärme produziert er Dämpfe wie von Schwefel und Kohl. Im Gegensatz zum schnellwüchsigen Holder bildet die Eibe nur ganz langsam ihren Leib, «too slowly for us». Hamburger beschreibt die Körperreaktionen der Eiche, ihre Tendenz, eine geschlossene Form vorzutäuschen, sich dem Sommerwind zu verweigern und pilzbefallene Äste zu verstecken. Für den Tod reserviere sie ihre eigentliche, ihre dauerhafte Substanz.
Die zentrale Frage nach Untergang und Überleben wird dramatisch im Sturmgedicht «A Massacre», dem Kernstück des Bandes, aufgeworfen. Mit dem Liebhaber der Bäume nehmen wir angstvoll teil am Gemetzel, «the slaugther», das der Wind in der Nacht vom 17. Oktober 1987 anrichtet. Erst der November-Epilog gibt neue Hoffnung. Mit Hilfe des Traktors steht die Lärche wieder da, wird gelb. Ob sie im Frühling ausschlagen wird, weiss man nicht. Als tröstliches Memento mori könnte der schöne tote Schaft des Maulbeerbaums «unsere Frist und unsere Augen» überdauern. Er stünde dann, umgeben von Mohn und Gerüchen, als Denkmal dort, wo «sei grösseres Bild im Schatten gedieh».
So detailgetreu, ja pragmatisch, diese Lyrik sich gibt, wundersam unauffällig schärft sie Vers für Vers den Sinn fürs Grundsätzliche, für die fragile Pracht aller Existenz auf Erden. Auf dem Hintergrund von Hamburgers Biographie wächst ihr unausgesprochen ein Wissen und eine Bedenklichkeit zu, die über das Schicksal der Bäume hinausgeht.
Deutscher Geist
Dem Übersetzer Peter Waterhouse verdanken wir einige brillante Lösungen. Doch so präzis und intuitiv er vor kurzem John Hopkins' «Journal» übertragen hat, karg und behutsam auf die englische Satzstruktur achtend, ja das Deutsche um diese erweiternd, hier ist er nicht mit der gleichen Akribie ans Werk gegangen. Nicht nur sprachlich hat er Hamburgers Englisch zu sehr verdeutscht, auch mental verordnete er den «Baumgedichten» einen deutscheren Geist. Seinem sonstigen Prinzip, das Deutsche mit den Möglichkeiten des Englischen zu bereichern, ist er zu zögernd gefolgt.
Wo Hamburgers Zeilen fast spröd tönen, entwickelt Waterhouse manchmal einen Hang zum Ungewöhnlichen: «In multiple mutation» übersetzt er mit «In wieder wieder Wechsel». Gewiss bleibt so die Alliteration erhalten, doch die Sprachdinge exquisiter zu machen, geht gegen die Intention des Originals. «Ribbed silk» nimmt sich alltäglicher aus als «ädrige Seide». «Doch Stille heilt» klingt feierlicher als «but silence mends», ebenso «Verschatten» im Vergleich zu «darkening». «A Mesalliance» zwischen Eberesche und schwedischem Mehlbeerbaum meint ganz einfach eine Mesalliance und nicht, wie Waterhouse vorschlägt, «eine Verstrickung». Oft fehlt im Deutschen ein gewisser humaner englischer Charme: «Make a hedge for you» drückt eine engere Beziehung aus zum Gewächs als die Wendung «als Hecke dastehen». Die nahe Kenntnis dessen, der mit Bäumen lebt, bleibt bei der Übertragung nicht immer erhalten. «Einprägsam gepriesen in Prousts / Langen Perioden als Blume» unterschlägt das «nur», um das es geht: «Poignantly praised in Proust's / Long periods as blossom only». Gemeint ist der erwähnte Weissdorn, an dem Proust, im Gegensatz zu Hamburger, nur die Schönheit sieht. Am Schluss weist der Autor erneut auf Proust hin: «In every Un-Proustian vernacular» seien die Dornen des Strauchs schon verflucht worden, wenn sie unter den Daumennagel fahren. Waterhouse sagt bloss «in jederlei Unpoesie» und lässt den zweiten Bezug zu Proust weg, der dem Gedicht erst die Klammer gibt.
Es leuchtet ein, dass Peter Waterhouse, der als Autor und Übersetzer den Phänomenen akkurat auf der Spur bleiben will, von Michael Hamburgers Baumlyrik angetan war. Schade, dass er ihr nicht, wie wir das sonst von ihm gewohnt sind, die letztmögliche Sorgfalt angedeihen liess.
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