Er lügt, der Schelm, und dichtet sich seine eigene Geschichte zusammen, die er einem Geschichtsschreiber diktiert! Oder auch nicht... Es beginnt, da Baudolino als kleiner Junge Kaiser Friedrich I. 1155 in einem norditalienischen Wald begegnete. Baudolino log ihm eine Vision vor, die der Kaiser, der seine Lügen durchschaute, gut brauchen konnte als himmlisches Zeichen, woraufhin der Kaiser ihn unter seine Fittiche nahm und sie ihr Leben gemeinsam als Adoptivsohn und Ziehvater verbrachten... diese und alle Arten anderer Lügen inszeniert Baudolino (teilweise theatralisch) sein ganzes Leben durchweg, und kommt bestens damit zu Rande. Die Leute glaubten die Lügen, weil sie etwas glauben wollten. Durch kaiserliche Billigung erhielten sie mehr als nur einmal praktisch Autorität.
Der Leser reist mit Baudolino durch das Europa des 12. Jahrhunderts, erlebt allerlei haarsträubende Dinge von weltpolitischer Tragweite, in die Baudolino verwickelt gewesen sein will - gerade diese Absurdität, das Spielen mit dem offenbar Unrichtigen, versetzt den Leser in einen Taumel, in dem er Dichtung und Wahrheit nicht mehr auseinander halten kann. Mit einem Kopfschütteln verlangt es den Leser, weiterzulesen, was allerdings nicht für die utopischen Sequenzen gilt, die sich zwischendurch einmengen, in denen Fabelwesen wie Skiapoden auftreten - ich hab leider ein Stückweit Verachtung für Utopien und musste mich quälen, dranzubleiben. Wem's ähnlich ergeht, der sollte diese Kapitel getrost überschlagen.
Dafür entschädigen aber wiederum so köstliche Kapitel wie "Baudolino bereichert die Schätze von Byzanz", in denen der Leser erfährt, wieviele ungeahnte heilige Reliquien man finden kann, wenn man auf einen Friedhof geht und nur "den rechten Glauben" hat. Gen Ende seines Lebens vertraut Baudolino (zum wiederholten Male in Konstantinopel gelandet) sich einem dort lebenden griechischen Geschichtsschreiber an und erbittet von ihm Hilfe, um sich im Lügengewirr seines Lebens zurechtzufinden. Es ist das erste Buch, bei dem ich richtig lachen musste, weil die Unverfrorenheit, mit der Baudolino und seine Begleiter im Verlaufe der Geschichte falsche heilige Reliquien, für die sie dumme christliche Käufer fanden, unter die Leute brachten, mich so sehr an die heutige Zeit erinnert... so sollte ein Komplize zum Friedhof gehen (auf dem Weg dorthin findet er eine alte Axt, das ist dann kurzerhand die, mit der Noah die Arche baute), mit dem Auftrag : "und finde den Unterkiefer des Apostels Paulus, nicht den Kopf, sondern den linken Arm Johannes' des Täufers und mehr von der Sorte: die Reste der heiligen Agathe, des heiligen Lazarus, der Propheten Daniel, Samuel und Jesaja, den Schädel der heiligen Helena, ein Stück vom Kopf des Apostels Philippus..." woraufhin der so Beauftragte erwiderte "wenns darum geht, brauch ich bloss dort unten ein bisschen zu wühlen, und im Nu finde ich euch ein Stück von der Krippe in Bethlehem, ein ganz kleines, bei dem man nicht genau weiss, wo es herkommt."... Die Betrügereien werden so dreist inszeniert, dass man nicht anders kann, als sich über die Dummheit der Menschen kaputtzulachen.
Eco gipfelt diese Unverfrorenheit in einer Persiflage auf den Heiligen Gral, die -gerade weil sie so grotesk ist- möglich sein kann! Was Baudolino tut, mag ein jeder selbst nachlesen, Fakt wird sein: Baudolinos Lüge macht sich wahr, weil die Belogenen sie glauben wollen. Und aus diesem "Glauben-wollen" entstehen Bewegungen, von denen ein Komplize Baudolinos sagt : "worauf es ankommt, ist, dass niemand ihn findet, sonst würden die anderen aufhören, nach ihm zu suchen." Dasselbe gilt für dieses Buch: entscheidend ist, dass niemand erfährt, was Lüge und was Dichtung ist, sonst würden sie aufhören, danach zu suchen...