Ich muss gestehen dieses Buch konnte ich kaum weglegen. Bevor ich mich dem inhaltlichen zuwende, möchte ich ausdrücklich den Schreibstil und die Form des Buches loben. Frau Chua gab sich bisweilen selbstironisch, dann auch wieder schon fast witzig, ausdrückliches Lob hier.
Inhaltlich ist das Buch auch fesselnd, aber sehr fragwürdig. An sich finde ich ja den Gedanken Kinder zu fördern und zu forden gut und angemessen, aber Frau Chua schlägt da weit über die Strenge. Schon allein ihre Aussage, alles wo man keine Medaille gewinnen kann sei wertlos, befremdet mich endlos. Ich meine, was ist ihr Problem? Man sollte glauben sie wöllte ein schönes Leben für ihre Kinder, aber es geht immer nur um Erfolg, Erfolg, Erfolg. Die Frau hat eine vollkommene Misinterpretation vom Leben, sie meint ja selbst sie sei nicht gut im Spaß haben. Statt Glück (ein natürlich nicht angemessenes Ziel im menschlichen Leben) will sie Leistung und Preise. Ich denke ihre gesamte Erziehung beruht auf diesem Missverständnis. Denn hätte sie gewollt, dass ihre Kinder glücklich werden, wäre auch Theater oder Sport nicht ausgeschlossen gewesen. Ich frage mich sowieso, was dieser fanatische Drill auf klassische Instrumente soll, wenn sie es später nicht professionell spielen sollen. Denkt sie dadurch liese sich Jura leichter lernen?
Grundsätzlich mag es ja toll sein seine Kinder so zu fordern, dass sie später, wenn sie wissen was sie wollen, alle Möglichkeiten haben (durch zB gute Schulleistungen --> Studium, durch mehrsprachiges Aufwachsen Businessvorteile), aber man muss ihnen auch die Chance geben genau dies herauszufinden.
Dennoch denke ich, man kann sich in manchen Aspekten eine Scheibe von ihr abschneiden. Ihre Schwiedermutter, mit der sie sich nicht gerade blendend verstanden hat, bedingungslos nach Hause zu holen, obwohl selbst ihr Mann seine Zweifel hatte, halte ich für vorbildliches und auch typisch chinesisches Verhalten. Seinen Kindern mehr zuzutrauen, als "Standard" ist, kann auch nicht verkehrt sein. Und das Prinzip der Wiederholung und des ambitionierten Lernens (wobei ihres natürlich wieder ein Extrem darstellt, aber mal vom großen Ganzen her) wird in unseren Breiten auch gänzlich unterschätzt.
Man muss das Buch nicht verteufeln, vielmehr sollte jeder selbst seine Schlüsse daraus ziehen.Ich jedenfalls kann es jedem empfehlen, aber nicht als Ratgeber, bei dem man alles so nachmachen soll, sondern als Gegenbild unseres Erziehungsmodells, das man in Aspekten in die westliche Erziehung einbeziehen sollte.