Oder: Klischee vs. Kunst -- Kräuter vs. Blut
Manchmal werden in kurzen Zeitabständen zwei Filme mit gleicher Thematik veröffentlicht, die sich notwendigerweise aneinander messen lassen müssen.
Dazu gibt es ein passendes Beispiel: 1998 wurden zwei Katastrophenfilme zum Thema ,Meteoriten-Einschlag' auf die Leinwand gebracht:
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Deep Impact (Special Collector's Edition)" und "
Armageddon - Das jüngste Gericht (Special Ed., 2 DVDs)".
Wie die beiden Interpretationen der Báthory-Biographie, hatten auch diese zwei Filme eine grundverschiedene Basis: Während "Deep Impact" versuchte, ein eher realistisches Bild der möglichen Ereignisse zu entwerfen, dem Thema eher wissenschaftlich-nüchtern begegnete, ist "Armageddon" ein typischer Bruce Willis-Film mit viel Action, Humor, amerikanischen Patriotismus und der unvermeidlichen "Yes, we can"-Einstellung (auch wenn der Slogan 1998 so noch auf keinem Banner stand).
Um in diesem Vergleichsbild zu bleiben, wäre "Báthory" (2008) die "Armageddon"-Variante: ein Fantasy-Film vor historischer Kulisse.
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Die Gräfin" (2009) ist die "Deep Impact"-Interpretation: die nüchterne Verfilmung einer historischen Biographie.
Ein Fantasy-Film ist keinesfalls per se geringer zu schätzen als ein anderes Genre. Im Umkehrschluss darf man allerdings an einen Fantasy-Film dieselben Ansprüche bezüglich der Figuren-Motivation richten:
Warum tut eine Figur dieses und nicht jenes? Was fühlt die Figur? Wie denkt sie? Was treibt sie an?
Das ist die Ebene auf der ich diese beiden Filme miteinander vergleiche: Wie nahe komme ich an die Figuren heran? Kann ich mitempfinden? Mitleiden?
Doch bei "Báthory" finde ich mich in der Rolle der unbeteiligten Zuschauerin wieder -- was nichts mit der schauspielerischen Leistung, sondern mit Drehbuch und Regie zu tun hat.
Natürlich kann man sich die Motivation einfach aus der Handlung ableiten, aber hier bleiben große Verständnis-Lücken - beispielsweise: Die Gräfin lässt alle Mägde auspeitschen, weil sie ein Frauenhemd im Bett ihres Mannes findet -- aber im nächsten Augenblick befiehlt sie dem Maler ihr einen Kuss zu geben.
Das wirft die Frage auf: Was für ein Moralverständnis hat diese Frau nun? Mit welchem Maß misst sie? Rächt sie sich nur? Empfindet sie überhaupt etwas Merisi (dem Maler) gegenüber? Diese Fragen bleiben offen. Einzig der Hinweis "ich brauche Zärtlichkeit" wird gegeben. ... Nun ja, ihr Mann hat anscheinend auch ,Zärtlichkeit' gebraucht.
Auch die Beziehung zu ihrem Ehemann, später zu Merisi Caravaggio (sic!) bleiben oberflächlich und im wahrsten Sinne des Wortes: blutleer.
Ein weiteres grundlegendes Problem dieses Films ist, dass er zuviel erzählt, zu oberflächlich. Er jongliert mit zu vielen Elementen gleichzeitig und wird wenigen gerecht.
Beispielsweise ist der Anteil an wilden, unübersichtlichen Schlachtenszenen hoch, doch was erfahren wir denn wirklich über die Konflikte, Gefühle des Grafen und seiner Leute?
Auch hier bleibt Drehbuch und Regie stets auf der Oberfläche der Dinge - Beispiel: Graf Báthory und Juraj Thurzo sind - so wird ja ausreichend oft gesagt - engste Kriegskameraden, die seit Jahren (!) an der Front gegen die Türken kämpfen. Dann geraten beide in Gefangenschaft und ihnen droht anderntags die Enthauptung. Doch Thurzo hat einige Goldmünzen in seinem Stiefelabsatz versteckt und kann sich und den Grafen freikaufen.
Frage: Ist es wirklich wahrscheinlich, dass sie einander die Hand geben - noch auf den ersten Metern der Flucht? Und der eine dem anderen dafür so explizit dankt?
Antwort: Nein. Denn sie haben zusammen Jahre im Krieg verbracht, sie werden einander dutzendfach das Leben gerettet haben. Sie brauchen sich nicht mitten auf der Flucht die Hand zu geben und zu sagen: "Das werd ich Euch nie vergessen." (Wörtliches Zitat.)
Ein anderes Beispiel ist die Rolle des übergeordneten Erzählers: Ein Mönch, der die Rolle des Chronisten einnimmt. Wohl um die Frage zu beantworten "wie kann der Mönch das alles wissen?", erhalten er und ein Novize Recherche-Gastauftritte im Geschehen. Dabei hantieren die beiden mit Fantasie-Gerätschaften: Rollschuhe mit drei Rädern; Abhör-Rohre mit unglaublicher Akustik, und sage und schreibe einem kopfkissengroßen Fallschirm, der sogar aufwärts steigt.
Was soll man damit anfangen? Diese witzigen ,Randbemerkungen' konterkarieren alles, was in diesem Film ernst zu nehmen gewesen wäre.
Und ebenso konterkariert diese klischeeartige Darvulia die eigentlich gut angelegte Person der Gräfin.
Darvulia, mit ihren grün/blau-aufleuchtenden Augen (als Zeichen, dass sie gerade ihre Magie ausübt) hat große Ähnlichkeit mit einer der Hexen in den tschechischen Märchenverfilmungen der 70er und 80er Jahre. Warum wird Darvulia so stereotyp dargestellt? War das notwendig?
FAZIT:
"Báthory" ist ein Film, dem man sehr deutlich die tschechisch-slowakischen Wurzeln des Regisseurs anmerken kann, der streckenweise leider nicht über ein opulent ausgestattetes Märchen hinauskommt, trotz hervorragender Besetzung mit Anna Friel und Hans Matheson.
So auch in der Konfliktdarstellung: Nur Kräuter, nichts weiter. Die Gräfin als Opfer einer Intrige.
"Die Gräfin" von und mit Julie Delpy und Daniel Brühl ist der nüchterne, historische Versuch. Streng an die physikalische Realität gebunden, sehen wir hier eine sehr starke Frauenpersönlichkeit, deren Gefühle deutlich gezeigt werden: Zum einen die große Liebe zu Istvan Thurzo (D. Brühl) und zum anderen die Angst vorm Altwerden, in Zusammenhang mit dieser Liebe.
Das macht die Delpy-Gräfin zu einem nachvollziehbaren Charakter, die aus Angst vor Liebes-/Attraktivitätsverlust zu ,ungewöhnlichen' Mitteln greift.
Und so auch die Konfliktdarstellung: Es ist Blut. Und die Gräfin wird Opfer ihrer eigenen Unsterblichkeitsphantasie.