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Eine Einführung in Spinozas Denken
Wenn das Diktum Nietzsches, wonach manche Autoren postum geboren werden, ausser auf ihn selbst noch auf jemand anderen zutrifft, dann gewiss auf Baruch de Spinoza. Wer die Vita des verfemten Philosophen kennt, weiss, dass die Umstände weder seiner Person noch seinem geschriebenen Werk günstig gesinnt waren. Mit vierundzwanzig Jahren wurde er aus der Amsterdamer jüdischen Gemeinde verbannt und seither von der religiösen und politischen Öffentlichkeit mit Argwohn beobachtet. Das einzige Werk, das zu Spinozas Lebzeiten (unter Pseudonym) erschien, der «Theologisch-politische Traktat», wurde vier Jahre nach seinem Erscheinen in den Niederlanden verboten. Erst mit den «Opera posthuma» also, deren Drucklegung der Verfasser noch zu Lebzeiten vorbereitet hatte, wurde Spinoza in den Augen einer breiteren Öffentlichkeit zu dem, was seit Platon einen Philosophen auszeichnet: zum Autor eines Werkes. Doch auch diese postume Geburt ging nicht ohne Komplikationen vonstatten, und der «Ethica», dem spröden und gewichtigen Hauptwerk Spinozas, war eine ebenso wechselvolle wie widersprüchliche Rezeption beschieden. Während die einen sie als atheistisches Machwerk, als Ausdruck eines gottlosen Pantheismus geisselten, wurde ihr von anderer Seite gerade ihre Weltlosigkeit, ihr Akosmismus, vorgeworfen.
Wolfgang Bartuschat, ein ausgewiesener Kenner Spinozas, hat nun in einer äusserst lesenswerten Einleitung zu zeigen versucht, dass beiden historisch gewachsenen Vorwürfen ein wenn auch relatives Recht in der Sache zukommt. Der Grundgedanke, von dem er sich in seinem Parcours durch die Definitionen, Axiome und Lehrsätze des mos geometricus leiten lässt, ist der, dass sich das Eigenste der Ethik nur demjenigen erschliesst, der bereit ist, sie in ihrer Doppelgestalt als «ontologische Strukturtheorie des Absoluten» und als Reflexion auf die Stellung des Menschen in der Welt zu lesen. Zwar sind die theoretischen Kosten dieses Versuchs, die beiden Brennpunkte der Ethik in ihrem Zugleich zu erfassen, keineswegs gering; sie sollten jedoch, so Bartuschat, nicht übersehen lassen, dass die geläufigen Lesarten Spinozas zumeist einem Reduktionismus geschuldet sind, während sich umgekehrt für die von Spinoza vorgeschlagene Lösung starke Argumente anführen lassen. Bartuschat zuspitzend könnte man sie wie folgt formulieren: Eine Ethik ohne eine die (Affekt-)Natur des Menschen berücksichtigende Metaphysik bleibt ebenso reines Sollen wie umgekehrt eine metaphysische Ontologie, welche die Frage nach dem Guten unterschlägt, nur Monstrositäten gebiert. Metaphysik, wie sie Spinoza betreibt, ist darum mit einem Wort Bartuschats stets «funktionale Metaphysik». Ihre Aufgabe ist es, das Wesen des Menschen und seine Stellung in der Welt aus Strukturen des Absoluten rational so zu beschreiben, dass sie den Menschen auf seine eigenste Möglichkeit, die Erlangung der Glückseligkeit, hin freigibt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Wie schreibt doch Spinoza im letzten Satz der Ethik? «Alles Erhabene ist ebenso schwer wie selten.»
Andreas Cremonini -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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