Amazon.de Hörbuch-Rezension
Noch einen weiteren Vorteil hat Wöhlers Hörbuch, nämlich den, dass sie auf der Neuübertragung von John und Peter von Düffel basiert. Und die überträgt nicht nur Melvilles Text ungewöhnlich geschmeidig ins Deutsche: Auch Bartlebys leitmotivisch wiederkehrender Standardsatz ("I would prefer not to"), für den sich in der gängigen Übersetzung ein "Ich möchte lieber nicht" eingebürgert hat, gewinnt in der neuen Intonation ("Ich möchte bevorzugtermaßen nicht") eine überraschende Nuance. --Thomas Köster
Audiobook-Rezensionen
Die Erzählung „Bartleby, der Schreiber“, die zwischen 1853 und 1856 erschien, mutet ziemlich modern an. Das Motto Bartlebys „Ich möchte lieber nicht“ weitet sich im Laufe der Geschichte in einem beängstigenden Maß aus. Von der launenhaften Weigerung am Anfang, nichts zu kopieren, über seine Weigerung, überhaupt etwas für seinen Herrn zu tun bis hin zur freundlichen, aber beharrlichen Weigerung die Kanzlei zu verlassen reicht das unerklärliche Verhalten des seltsamen Vogels. Am Ende zieht der Notar selbst um, „da er mich nicht verlasen will.“
Herman Melville, geboren 1819 in New York, ist vor allem als Verfasser von „Moby Dick“ bekannt. Der Sohn einer reichen Kaufmannsfamilie fuhr, nachdem der Vater Konkurs anmelden musste, von 1837 – 1844 zur See. Seine Erfahrungen hat er in Romanen („Typee“ und „Omoo“) verarbeitet. Der schnelle Erfolg hielt nicht lange an. „Moby Dick“, einer der bedeutendsten Werke amerikanischer Literatur erschien 1851 und wurde kein Erfolg. Etwa seit dieser Zeit konnte Melville seine Familie nicht mehr mit seinem Schreiben ernähren und musste als Zollinspektor im Hafen arbeiten. Sein letztes Werk, „Billy Bud“ wurde erst posthum veröffentlicht.
Melvilles eigenes Scheitern als Berufsschriftsteller könnte eine mögliche Interpretation für das ungewöhnliche Verhalten des Schreibers sein. So wie der Ich-Erzähler, der Notar, obwohl er für seine Begriffe sehr viel Verständnis für den Sonderling aufbringt, keinen Zugang zu Bartleby bekommt, so könnte sich der sich der erfolglose Autor gefühlt haben. In einer Welt, in der Geld, Erfolg und Geschäfte das Leben bestimmen, fand der Schriftsteller keinen Kontakt mehr. Christian Brückner liest aus der Perspektive des Erzählers. Seit der Notar Bartleby kennengelernt hat, ist er mit ihm beschäftigt. Die unerklärliche Kraft, die Bartleby auf ihn ausübt, bringt den Mann dazu, sein eigenes Verhalten permanent zu hinterfragen. Sein Verständnis und sein Mitgefühl und seine verzweifelte Frage „Was soll ich tun?“ arbeitet Brückner überzeugend und unvergleichlich heraus. Obwohl eine gewisse Verwandlung mit dem Notar passiert, muss er doch dem konsequenten Tod Bartlebys in gewisser Weise hilflos zuschauen. Eine brillante Lesung einer außergewöhnlichen Geschichte.


