Dieses schöne Bändchen, auf festem Papier und mit hervorragenden Illustrationen, ist in vielerlei Hinsicht interessant und, um einen Brockesschen Schlüsselbegriff zu verwenden, vergnüglich. Brockes, der erste Naturdichter deutscher Sprache, dessen Schilderungen von Tieren, Pflanzen, Landschaften und Stimmungen auch an sich zum Schönsten gehören, was die deutsche Sprache hervorgebracht hat, ist im Laufe der Jahrhunderte nicht immer so gewürdigt worden, wie zu Lebzeiten. Dazu gehört vielleicht, daß das Positive an Brockes, seine Physiktheologie - die zu seiner Zeit höchst wagemutig war - und sein glückliches Leben nicht recht zu dem passen will, was so mancher von einem Dichter erwartet. Aber selbst wenn man von dieser Perspektive kommt, muß man schon hartgesotten sein, um sich der Schönheit des Brockesschen Naturimpressionismus entziehen zu können - etwa so, wie man sich der der Kirschblüte bei der Nacht oder der Laubfärbung im Herbst entziehen müßte. Kleßmann webt in seinem Büchlein die Brockessche Lyrik (mit langen, gerade richtig dosierten Textwiedergaben) und seine Biographie aufs Glänzendste zusammen; letztere ist auch als Schilderung der Hamburger Geschichte und Kultur nach dem Rezeß sehr interessant zu lesen. Insgesamt ist aber besonders besonders erfreulich, daß der Autor selbst Sprache als Prosa versteht; es ist also eine Freude, dieses Bändchen zu lesen, und dennoch - oder gerade - erfahren wir mehr über den Dichter Brockes, als durch eine "rein gemanistische" Abhandlung möglich wäre. Das Buch sei allen Lyrikfreunden, ob sie Brockes schon kennen oder erst entdecken dürften, ans Herz gelegt.