Zu Unrecht wird dieser Film von einigen als Kubricks schwächster Film bezeichnet. Ich denke, Stanley Kubrick ist an jeden Film mit dem gleichen Ernst und Anspruch herangetreten und es gelang ihm offensichtlich immer zum Großteil, diese Ambition bis weit über den Schnitt zu retten. So auch bei diesem Film, dessen kommerzieller Misserfolg wohl eher in der geringeren Attraktivität von Historienfilmen lag. Die öffentliche Wahrnehmung des Filmes, wie eigentlich auch bei jeden Film, kann man in - grob gesagt - zwei Lager teilen: Die einen sind schlichtweg begeistert, wärend der Rest den Film für sehr langatmig und ereignislos hält. Bestenfalls wird von letzteren die technische Machart des Filmes gepriesen, wobei man die Geschichte mit dem f0.7-Objektiv wohl nicht mehr hören kann. Davon mal abgesehen sieht man dem Film auch an, dass der Dreh kein Zuckerschlecken gewesen sein kann. Man sollte den Film nicht auf "...der Film, der nur mit Kerzenlicht gedreht wurde" reduzieren...allein schon deshalb, weil auch hier ganz normal mit Scheinwerfern gearbeitet wurde, und nur einige - zugegeben, sehr beeindruckende - Szenen nur mit Kerzen gedreht wurden.
Unfair wird es jedoch, sobald die schauspielerische Leistung als minderwertig und ausdruckslos bezeichnet wird. Und möglicherweise wird einem mit Hilfe der nun ENDLICH vorliegenden Bluray (nicht nur) in dieser Hinsicht ein Licht aufgehen. Denn nie konnte man den Darstellern so tief in die Augen schauen! Es gibt noch mehr Mimik und Muskelspiel in Gesichtern zu entdecken. Und auch andere Details in den Kulissen und an den verschiedenen Orten fallen plötzlich deutlich ins Auge. Dies wohl insbesondere dann, wenn man sich den Film hochauflösend auf großen Fernsehern oder besser auf einer Leinwand mit einem guten Beamer anschaut. Dafür wurde der Film wirklich primär gemacht...für das große Bild. Allein in dieser Hinsicht lohnt der Kauf der Bluray. Auch wenn man "Barry Lyndon" schon öfter auf der DVD aus dem Jahr 2001 gesehen hat, ist dieses Erlebnis wie, als sähe man den Film zum ersten mal richtig. Immer noch macht es spass, den Figuren bei ihren Problemen, Reaktionen und Affekten zuzusehen. Selten findet man einen Film mit solch einer Hauptfigur, zu der man ein so ambivalentes Verhältnis hat, wie zu Barry. Es gibt viel zu entdecken in diesem Film, was man auch auf die eigene Situation im hier und jetzt ableiten kann. Auch Kubricks Humor kommt hier nicht so kurz, was sich insbeondere in der Montage des Films zeigt. "Barry Lyndon" ist eine Glanzleistung in jeder Hinsicht. Und lässt man sich darauf ein, kann der Film zu einem der berührendsten Filme werden, den man je gesehen hat. Zeitweise zähle ich "Barry Lyndon" - je nach Gemütslage - zu meinem persönlichen Nummer-1-Film.
Stichwort "Kubrick und Seitenverhältnisse auf Bluray":
Ja, der Film wurde Hardmatte 1.66:1 gedreht, und kam auch so zum Teil auf die erste DVD. Gelegentlich mag auch das ein oder andere Kino den Film mal so vorgeführt haben. Aber tatsächlich sollte der Film im Kino (so belegen es zahlreiche Filmvorführer aus Kinos) im Seitenverhältnis von 1.75:1 vorgeführt werden.
Die Lektion wird er wohl bei "Clockwork Orange" gelernt haben, der in 1.66:1 projiziert werden sollte. Allzuoft wurde dieser aber - gerade in Amerika - in 1.85:1 gezeigt, was in dem Fall zu Problemen führte, da "Clockwork" ziemlich kompakt kadriert wurde. Ab "Barry Lyndon" beachtete Kubrick, dass die Filme im Kino ungeachtet klarer Vorgaben trotzdem in 1.85:1 gezeigt werden. Ab "Shining" war 1.85:1 dann entgültig usus, wenngleich die Filme weiterhin in 1.33:1 gefilmt wurden. Aber der Aufschrei von Cineasten aus aller Welt hallt immer noch im Grundrauschen des Internets, nachdem die letzten drei Kubricks auf Bluray "verstümmelt" in 1.77:1 veröffentlicht wurden. Man berief sich auf Kubricks ausdrücklichem Willen, die Filme für den Homevideo-Markt in 1.33:1 zu veröffentlichen. Dieser Willen rührt aber wohl daher, dass es zu dem Zeitpunkt praktisch nur 4:3-Fernseher gab, und eine Widescreen-Veröffentlichung mit Letterbox-Balken einher geht oder gar das unsägliche Pan&Scan-Verfahren angewendet wird. Nun mit 16:9-Fernsehern und HD-Beamern ist dieser Wunsch obsolet, und die Filme liegen so vor, wie es für das Kino gedacht war.
Fazit: Die Bluray kostet kaum mehr, als eine Kinokarte für einen solchen Film mit Überlänge. Man kommt in den Genuss, sich den Film im Originalton anzuhören, was ich auch UNBEDINGT empfehle...schliesslich wird hier auch streckenweise Deutsch gesprochen. Warner Brothers haben mit diesem Release ganze Arbeit geleistet und dem Film, wenn auch spät, den nötigen Respekt gezollt. Ach...übrigens. Warner hat das blutrot zoomende Logo zu Beginn des Filmes gegen eine statische, monochrome Version ausgewechselt... nur so als Info für Puristen ;D