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Alexander Lernet-Holenia: «Der Baron Bagge»
Als Novelle ist unsre Geschichte bezeichnet, und freilich lässt ihr rückwärtsgewandter Ton etwas Spätromantisches aufschimmern. Da Nebelzüge, dort Weinberge, die Landschaft weit und unvermessen; der Winterwind mit Schnee und Eis, verlorene Dörfer, vergessene Menschen. Das Ganze denn sehr auf die Stimmung gerichtet und auf eine Gesellschaft, die im Zerfall zum letzten Male von Farben durchglüht wird Uniformen, Bordüren, Pelze. Noch im Jahr 1936 erinnerte sich Alexander Lernet-Holenia mit seinem «Baron Bagge» dieser Welt des Fin de siècle, als wäre sie die späteste Verfassung des Ineinanders von Traum und Wirklichkeit, von Heldenmut und Elegie gewesen. Was danach folgt, ist das sachliche, gewaltsam aus dem Schlaf gerissene Leben.
So nähert sich der Schriftsteller, der bis zu seinem Tod von allem Habsburgischen nicht lassen konnte, dem süssen Gift der Nostalgie. Erinnerung die Glück und Schmerz im Zusammenklang der Zeiten mischende memoria formt ihm den Stoff: er taucht ganz ein ins Damals, dessen Kontur wie ein Märchen ersteht. Berittene blasen zum Angriff, Säbel blitzen in der Sonne, schöne Frauen zeigen blasse Mienen. Im Privaten aber bliebe das Geheimnis das Unausgesprochene, von Haltung Verdeckte der Leidenschaften, eine Psychologie des Stolzes und der Fassung, wenn man will.
Der Baron Bagge? Ein Mann ohne Eigenschaften. Ein Typus jedenfalls, der mehr von den Ereignissen und Umständen als von eigenen Zielen, Wünschen, Trieben geführt ist. Wenigstens berichtet er einem Erzähler jenes Stück seiner Biographie, welches die story ausmacht; dadurch nur dadurch bekundet er, der schweigsame Freund, Entschlossenheit. Als im Jahre 1914 der Krieg ausbricht, ist Bagge auf Reisen in Mittelamerika. «. . . ich wollte der Eröffnung des Panamakanals beiwohnen und zuvor die Antillen besuchen . . .» Indessen kehrt er schnell nach Europa zurück, und alsbald dient er in einem Dragonerregiment gegen die Armeen des Grossfürsten Nikolai. Den Schauplatz gibt die ungarische Ebene, die Gegend um Tokaj. Bagges Schwadron steht im Aufklärungsdienst.
Damit beginnt seine Geschichte; das eine verschlingt sich organisch, wie unter sonderbarem Diktat, ins andere. Ein Herr von Semler kommandiert als Rittmeister, zu den weiteren Offizieren neben Bagge zählen der Amerikaner Hamilton und ein junger Mensch, Karl Maltitz. Kennt diese Truppe ihr Schicksal? Weiss sie, dass sie in den paar Wochen des Kundschaftens und in verlassener, immer fremder wirkender Landschaft dem Verderben entgegenläuft? Für sich selbst beansprucht der Baron hohe Sensitivität. Nichts, kein Detail, kein Mann und kein Pferd, kein Riemen, kein Hufeisen, sei ihm vergessen, so erzählt er. Tatsächlich vibriert der Bericht mit Bagges genauen, scharf gerandeten Bildern. Für die andern jedoch gälte, dass sie in Trance marschieren, geleitet von dem finstern und unzugänglichen Rittmeister eine Schar zwischen Leben und Tod, unwissend, ahnungslos, unschuldig.
Sie ziehen von Quartier zu Quartier. Sie reiten zwischen erloschenen Vulkanen, entlang an Flüssen und Gräben. Die Vorpatrouille stösst auf drei von den Russen gehenkte Spione. In den Nächten braust unheimlich der Wind. Nur Semler kennt die Route aber kennt er sie denn? Er lenkt seine Leute immer weiter hinein ins Feindesland; keiner begehrt auf. Bagge bleibt mit seinem Argwohn allein. Nicht in Protest und Gegentat aber münzt sich sein Verdacht, dass es um die Schwadron bald geschehen sein könnte: einzig entspricht dem Erdulden des Melancholikers, auf der andern Seite, die Anspannung der Sinne. Bagge beobachtet. So wird er zum Blutzeugen.
Oder doch nicht? Folgendes passiert. Als die Truppe über eine Brücke in ein Dorf einreiten will, wird sie vom Feuer der feindlichen Infanterie erfasst. Das Gefecht währt nur kurz, denn ein Wunder geschieht: Semlers Berittene schlagen die Russen in die Flucht oder setzen sie gefangen. Fortan geht die Route nach Nordosten, bis das Dorf Nagy-Mihaly erreicht ist, wo die Schwadron für einige Tage rastet. Und da, in der seltsamsten Abgeschiedenheit, begegnet Baron Bagge einer jungen Frau. Das schöne Wesen war ihm schon von seiner Mutter zugedacht worden, ohne dass er Charlotte zuvor jemals gesehen hätte. Die beiden entbrennen in Leidenschaft zueinander, bei Tanz und Champagner fliegen die Sinne, sie versprechen sich die Hochzeit.
Doch nun ist der Dienst wieder aufzunehmen. Bagge verlässt die Geliebte, die Schwadron rüstet zum Aufbruch. Märchenhafter, verzauberter wird das Gelände von Bergen und Schründen, bis der Zug an eine golden strahlende Brücke gelangt, über die er Mann für Mann wie in die Ewigkeit entschwindet. Da wacht Bagge auf. Er hat alles nur geträumt. Verwundet, von zwei Kugeln getroffen, liegt er auf jener Brücke, von welcher aus das Gefecht mit den Russen eingeleitet worden war. Bagge hat überlebt, fast alle anderen Reiter sind gefallen, sind seit Tagen aufgerieben, tot.
Im nachhinein darf der Baron grübeln über diese Ereignisse; über Illusion und Realität; zuletzt über das «Unzerstörbare» jener Liebe, die niemals war und nun, wie ein platonischer Schattengruss, um so stärker wird: Traumspiel, Verklärung ins Geistige. Es versteht sich dann schon, dass er der wortkarge und für die anderen Menschen rätselhafte Charakter ist, als den ihn der Eingang der Novelle porträtiert.
Und Lernet-Holenia sagte: keiner kehrt aus dem Reich der Toten zurück, doch könnte es ein Zwischenreich geben einen Raum der Verbindungen, wo Leben und Sterben sich annähern, wo Erlebnisse der anderen Art zustossen und Geschichten sich auf neue und zugleich nicht gänzlich unvertraute Weise fortschreiben. Dies ohne Prätention erzählt. Vielmehr mit einer magischen Genauigkeit der Sprache, die sich vor Anachronismen nicht zu fürchten braucht, solange es ihr gelingt, Visionen zu malen. Eine Landschaft zur Winterszeit. Leuchtende Uniformen vor dem Grau des Geländes. Festmusik und Liebesrausch vor dem Nichts.
Martin Meyer -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
11 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Lernet-Holenias "Der Baron Bagge" ist eine Meisternovelle.,
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Der Baron Bagge: Novelle (Gebundene Ausgabe)
Bei einem Aufklärungsritt in der winterlichen ungarischen Tiefebene im Ersten Weltkrieg gerät eine österreichische Kavallerieeinheit unter feindlichen Beschuß. An einer Brücke, die den Eingang zu einer kleinen Stadt markiert, kommt es zu einem heftigen Feuergefecht. Baron Bagge, einer der österreichischen Kavallerie-Offiziere, wird dabei leicht am Kopf verwundet. Doch die österreichische Schwadron bleibt sieghaft und zieht in den Ort ein. Die Stadt ist tief verschneit und wimmelt vor Menschen, die aus der ganzen Gegend vom Kriegsgeschehen hierher geflüchtet zu sein scheinen. Baron Bagge und die österreichischen Soldaten werden äußerst freundlich willkommen geheißen. Hier nun in dieser Stadt begegnet Baron Bagge einer geheimnisvollen jungen Frau. Von ihrer Schönheit und ihrem Wesen fasziniert, verfällt er ihr in leidenschaftlicher Liebe. Eine Liebe, die von der jungen Frau erwidert wird...Alexander Lernet-Holenia (1897-1976), geboren in Wien, wuchs in die Tradition einer österreichischen Offiziersfamilie auf. Er selbst nahm als Kavallerieoffizier am Ersten Weltkrieg teil. Der Zusammenbruch der österreichisch-ungarischen Monarchie im Jahre 1918 wurde zu dem großen Einschnitt, auf den er in seinem literarischen Schaffen immer wieder zurück kam. "Der Baron Bagge", in klassischer Novellenform aus der Sicht des Barons selbst erzählt, entstand 1936. Die hochkonzentrierte Sprache, aus der jeder überschüssige Ballast abgeworfen wurde, die straffe Linie des Erzählens und die überraschende Auflösung zum Schluß machen dieses kurze Werk zu einer der meisterlichsten Leistungen der deutschen Literatur. Ein funkelnder, verborgener Diamant. Schade nur, daß der Verlag so unklug ist, die ganze Geschichte bereits auf dem Klappentext zu enthüllen. Der Leser wird damit um ein Leseerlebnis betrogen, das er nicht mehr wiederholen kann. Tip: Bevor man das Buch an Freunde weiter verschenkt, Schutzumschlag nehmen und in den Müll werfen! Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Ein kleines Meisterwerk...,
Von selberdenker (Innsbruck, Österreich) - Alle meine Rezensionen ansehen
Rezension bezieht sich auf: Der Baron Bagge: Novelle (Gebundene Ausgabe)
Ein Eklat in der Gesellschaft: Auf einem Empfang wird Baron Bagge, ein verschlossener und zurückgezogen lebender Kärntner Gutsbesitzer, beschuldigt, das Leben zweier Frauen auf dem Gewissen zu haben. Der Ich-Erzähler kann dabei helfen, die peinliche Situation zu klären. "In der Folge aber mochte sich Bagge verpflichtet fühlen, mir einige Erklärung zu geben, und erzählte mir seine Geschichte". So beginnt die poetische Reise zurück in den Winter 1915, in Bagges früheres Leben als Kavallerie-Offizier der k.u.k-Armee, eine Reise zwischen Traum und Wirklichkeit, Realität und Poesie, die mehr als nur einmal über unsichtbare Brücken führt.Eine lyrische, etwas melancholisch angehauchte Novelle klassischer Form (der Bericht von einer "unerhörten Begebenheit", wie Goethe es nannte) , die in ihrer klaren und eleganten Erzählweise wirklich etwas Besonderes ist. Jedem, der etwas für phantastische Literatur á la Leo Perutz übrig hat, kann man wärmstens ans Herz legen, mit dem Baron Bagge Bekanntschaft zu schließen... Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
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