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Der Baron Bagge: Novelle
 
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Der Baron Bagge: Novelle [Gebundene Ausgabe]

Alexander Lernet- Holenia
5.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (2 Kundenrezensionen)
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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Im Zwischenreich

Alexander Lernet-Holenia: «Der Baron Bagge»

Als Novelle ist unsre Geschichte bezeichnet, und freilich lässt ihr rückwärtsgewandter Ton etwas Spätromantisches aufschimmern. Da Nebelzüge, dort Weinberge, die Landschaft weit und unvermessen; der Winterwind mit Schnee und Eis, verlorene Dörfer, vergessene Menschen. Das Ganze denn sehr auf die Stimmung gerichtet und auf eine Gesellschaft, die im Zerfall zum letzten Male von Farben durchglüht wird – Uniformen, Bordüren, Pelze. – Noch im Jahr 1936 erinnerte sich Alexander Lernet-Holenia mit seinem «Baron Bagge» dieser Welt des Fin de siècle, als wäre sie die späteste Verfassung des Ineinanders von Traum und Wirklichkeit, von Heldenmut und Elegie gewesen. Was danach folgt, ist das sachliche, gewaltsam aus dem Schlaf gerissene Leben.

So nähert sich der Schriftsteller, der bis zu seinem Tod von allem Habsburgischen nicht lassen konnte, dem süssen Gift der Nostalgie. Erinnerung – die Glück und Schmerz im Zusammenklang der Zeiten mischende memoria – formt ihm den Stoff: er taucht ganz ein ins Damals, dessen Kontur wie ein Märchen ersteht. Berittene blasen zum Angriff, Säbel blitzen in der Sonne, schöne Frauen zeigen blasse Mienen. Im Privaten aber bliebe das Geheimnis – das Unausgesprochene, von Haltung Verdeckte der Leidenschaften, eine Psychologie des Stolzes und der Fassung, wenn man will.

Der Baron Bagge? Ein Mann ohne Eigenschaften. Ein Typus jedenfalls, der mehr von den Ereignissen und Umständen als von eigenen Zielen, Wünschen, Trieben geführt ist. Wenigstens berichtet er einem Erzähler jenes Stück seiner Biographie, welches die story ausmacht; dadurch – nur dadurch – bekundet er, der schweigsame Freund, Entschlossenheit. – Als im Jahre 1914 der Krieg ausbricht, ist Bagge auf Reisen in Mittelamerika. «. . .  ich wollte der Eröffnung des Panamakanals beiwohnen und zuvor die Antillen besuchen . . .» Indessen kehrt er schnell nach Europa zurück, und alsbald dient er in einem Dragonerregiment gegen die Armeen des Grossfürsten Nikolai. Den Schauplatz gibt die ungarische Ebene, die Gegend um Tokaj. Bagges Schwadron steht im Aufklärungsdienst.

Damit beginnt seine Geschichte; das eine verschlingt sich organisch, wie unter sonderbarem Diktat, ins andere. Ein Herr von Semler kommandiert als Rittmeister, zu den weiteren Offizieren neben Bagge zählen der Amerikaner Hamilton und ein junger Mensch, Karl Maltitz. – Kennt diese Truppe ihr Schicksal? Weiss sie, dass sie in den paar Wochen des Kundschaftens und in verlassener, immer fremder wirkender Landschaft dem Verderben entgegenläuft? Für sich selbst beansprucht der Baron hohe Sensitivität. Nichts, kein Detail, kein Mann und kein Pferd, kein Riemen, kein Hufeisen, sei ihm vergessen, so erzählt er. Tatsächlich vibriert der Bericht mit Bagges genauen, scharf gerandeten Bildern. Für die andern jedoch gälte, dass sie in Trance marschieren, geleitet von dem finstern und unzugänglichen Rittmeister – eine Schar zwischen Leben und Tod, unwissend, ahnungslos, unschuldig.

Sie ziehen von Quartier zu Quartier. Sie reiten zwischen erloschenen Vulkanen, entlang an Flüssen und Gräben. Die Vorpatrouille stösst auf drei von den Russen gehenkte Spione. In den Nächten braust unheimlich der Wind. Nur Semler kennt die Route – aber kennt er sie denn? Er lenkt seine Leute immer weiter hinein ins Feindesland; keiner begehrt auf. Bagge bleibt mit seinem Argwohn allein. Nicht in Protest und Gegentat aber münzt sich sein Verdacht, dass es um die Schwadron bald geschehen sein könnte: einzig entspricht dem Erdulden des Melancholikers, auf der andern Seite, die Anspannung der Sinne. Bagge beobachtet. So wird er zum Blutzeugen.

Oder doch nicht? Folgendes passiert. Als die Truppe über eine Brücke in ein Dorf einreiten will, wird sie vom Feuer der feindlichen Infanterie erfasst. Das Gefecht währt nur kurz, denn ein Wunder geschieht: Semlers Berittene schlagen die Russen in die Flucht oder setzen sie gefangen. – Fortan geht die Route nach Nordosten, bis das Dorf Nagy-Mihaly erreicht ist, wo die Schwadron für einige Tage rastet. Und da, in der seltsamsten Abgeschiedenheit, begegnet Baron Bagge einer jungen Frau. Das schöne Wesen war ihm schon von seiner Mutter zugedacht worden, ohne dass er Charlotte zuvor jemals gesehen hätte. Die beiden entbrennen in Leidenschaft zueinander, bei Tanz und Champagner fliegen die Sinne, sie versprechen sich die Hochzeit.

Doch nun ist der Dienst wieder aufzunehmen. Bagge verlässt die Geliebte, die Schwadron rüstet zum Aufbruch. Märchenhafter, verzauberter wird das Gelände von Bergen und Schründen, bis der Zug an eine golden strahlende Brücke gelangt, über die er Mann für Mann wie in die Ewigkeit entschwindet. – Da wacht Bagge auf. Er hat alles nur geträumt. Verwundet, von zwei Kugeln getroffen, liegt er auf jener Brücke, von welcher aus das Gefecht mit den Russen eingeleitet worden war. Bagge hat überlebt, fast alle anderen Reiter sind gefallen, sind seit Tagen aufgerieben, tot.

Im nachhinein darf der Baron grübeln über diese Ereignisse; über Illusion und Realität; zuletzt über das «Unzerstörbare» jener Liebe, die niemals war und nun, wie ein platonischer Schattengruss, um so stärker wird: Traumspiel, Verklärung ins Geistige. Es versteht sich dann schon, dass er der wortkarge und für die anderen Menschen rätselhafte Charakter ist, als den ihn der Eingang der Novelle porträtiert.

Und Lernet-Holenia sagte: keiner kehrt aus dem Reich der Toten zurück, doch könnte es ein Zwischenreich geben – einen Raum der Verbindungen, wo Leben und Sterben sich annähern, wo Erlebnisse der anderen Art zustossen und Geschichten sich auf neue und zugleich nicht gänzlich unvertraute Weise fortschreiben. Dies ohne Prätention erzählt. Vielmehr mit einer magischen Genauigkeit der Sprache, die sich vor Anachronismen nicht zu fürchten braucht, solange es ihr gelingt, Visionen zu malen. Eine Landschaft zur Winterszeit. Leuchtende Uniformen vor dem Grau des Geländes. Festmusik und Liebesrausch vor dem Nichts.

Martin Meyer

Pressestimmen

"Und Lernet-Holenia sagte: keiner kehrt aus dem Reich der Toten zurück, doch könnte es ein Zwischenreich geben - einen Raum der Verbindungen, wo Leben und Sterben sich annähern, wo Erlebnisse der anderen Art zustoßen und Geschichten sich auf neue und zugleich nicht gänzlich unvertraute Weise fortschreiben. Dies ohne Prätention erzählt. Vielmehr mit einer magischen Genauigkeit der Sprache, die sich vor Anachronismen nicht zu fürchten braucht, solange es ihr gelingt, Visionen zu malen. Eine Landschaft zur Winterszeit. Leuchtende Uniformen vor dem Grau des Geländes. Festmusik und Liebesrausch vor dem Nichts." Martin Meyer, Neue Zürcher Zeitung "Ein Mann muss sich rechtfertigen und erzählt eine Geschichte, so seltsam, so phantastisch, so düster-schön - man mag es gar nicht glauben, dass sie sich in unserem Jahrhundert zugetragen haben soll ... Bagges Geschichte führt zurück ins Kriegsjahr 1915 ... Als Oberleutnant einer Dragonerschwadron unter Befehl des Rittmeisters Semmler stößt Bagge mit einer Aufklärungsmission nach Norden in Richtung der Stadt Nagy-Mihaly vor. Dieser Ritt durch Schnee und zunehmende Finsternis gehört zu den atmosphärisch dichtesten Szenen der österreichischen Literatur. Alexander Lernet Holenia (1897-1976) taucht seine Novelle in die düstere Palette eines Goya." Ulrich Baron, Rheinischer Merkur

Kurzbeschreibung

Ein schmales Buch, ein großes Stück Literatur. Der junge Baron Bagge gleitet, von einem Schuss getroffen, in einen phantastischen Zustand zwischen Traum und Wirklichkeit. In ebenso klaren wie visionären Bildern werden die Grenzen von Wachen und Schlafen, von Leben und Tod beschworen. "Ein grandioses Requiem auf Österreich-Ungarn und seine todmatte Herrlichkeit." Rheinischer Merkur
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