Wer kurz vor Weihnachten nicht das Glück hatte, Emmanuelle Haïms barockes Fest am Théâtre de Champs Elysées live mitzuerleben, dem bietet die vor wenigen Tagen veröffentlichte CD einen nahezu gleichwertigen Klanggenuss. Ein fast hemmungsloses Schwelgen in barocker Ästhetik, klanglich superb reproduziert, mit einem bestens aufgelegten All-Star-Ensemble (u.a. Dessay, von Otter, Petibon, Jaroussky, Villazón) und einer Chefin am Pult, der man ihr beinahe kindliches Vergnügen am barocken Klanguniversum förmlich anmerkt.
Zwei CDs prallvoll mit Preziosen aus dem Barock - Händel, Rameau, Lully und Purcell -, über zweieinhalb Stunden Musik: das kann hier nicht alles kommentiert werden. Beschränken wir uns auf einige markante Eindrücke.
Natalie Dessay wirkt in der Zusammenarbeit mit Emmanuelle Haïm stets ausgesprochen frei und offen; ihre Stimme nimmt dann fast mühelos alle Höhen. Das ist hier nicht so. Die andernorts gelegentlich festgestellte Sprödigkeit und Unbeweglichkeit in ihrer Stimme ist leider auch in dieser Aufnahme zu hören. Mit Stéphane Degout harmoniert sie kaum. So vermag sie hier nicht recht zu überzeugen, obgleich das Niveau insbesondere mit der zweiten CD (Händel) deutlich ansteigt.
Ganz anders - natürlich! - wieder einmal Philippe Jaroussky, der Mann mit der Midas-Stimme. Klar, hoch konzentriert, sentimental und nobel in der Stimmführung - ein Ausnahmekünstler. Sein Duett mit Pascal Bertin, Purcells "Sound the Trumpet", ist ein kleiner Triumph. Nicht zuletzt deshalb, weil Haïm und das Concert d' Astrée hier mit Herzenslaune übermütig werden: Gute-Laune-(Ba-)Rock!
Nicht minder überzeugend: Anne Sofie von Otter, von einem geistigen Tiefflieger der so genannten Fachpresse jüngst als "statuarisch" tituliert - was immer das heißen soll. Sicher, die Schwedin ist eine feste Größe in der zeitgenössischen Barock-Interpretation. Aber was für eine: Gelassen, souverän, mit edler, geschmeidiger und gold glänzender Stimme, stilsicher und jede Effekthascherei meidend. Ihr Duett mit Jaroussky zählt gleichfalls zu den Höhepunkten dieser an Spitzenleistungen ohnehin reichen Aufnahme.
Bemerkenswert ferner: Patricia Petibon, die die Verrückte aus Rameaus "Platée" mit viel Energie und Spielwitz gibt, und Rollando Villazón, der, so ungemein sympathisch er auch ist, wieder einmal kaum verhehlen kann, dass er im barocken Fach nicht zuhause ist: Zu theatralisch, drastisch einerseits, zu inhomogen, brüchig, wenig fundiert in der Stimme andererseits. (Es ist in Wirklichkeit noch viel schlimmer! Der Applaus zu Villazón ist pures Mitleid!)
Dafür überzeugen viele andere Stücke auf dem Doppelalbum umso mehr. Einen echten Hinhörer liefern die Instrumental- und Vokalsolisten auch mit "A la chassa, à la chasse" aus Rameaus "Hippolyte et Aricie".
(Geheimtipp: Die junge Sopranistin Magali Léger: noch etwas unsicher und unbeweglich, aber mit besten stimmlichen Grundlagen ausgestattet. Ein glockenheller, klarer und klangschöner Sopran, der sich da - hoffentlich! - entwickelt.)
Die wenigen und kleinen Missgeschicke an diesem festlichen Abend können überhaupt nicht darüber hinweg täuschen, dass uns modernen Menschen die barocke Musik hier auf eine bezwingend virtuose und heitere Art und Weise nahegebracht worden ist. Die Vorstellung von Emmanuelle Haïm und ihrem erweiterten Freundeskreis wird vermutlich für einige Zeit ihresgleichen suchen. Bestnote!