Es gibt immer mal wieder Filme, die mich darin bestärken, daß es sich lohnt, stundenlang mit Bahn und Bus zu einem Programm- oder Arthauskino zu fahren, obwohl ich ein großes Multiplexkino, welches aber leider fast ausschließlich die üblichen Hollywood-Mainstream-Produktionen zeigt, nahezu direkt vor der Tür habe.
"Barfuß auf Nacktschnecken" ist mal wieder so eine kleine Perle.
Lily ist "anders".
Die junge Frau Anfang 20 ist einerseits sehr sinnlich und geht mit ihrem Körper und ihrer Sexualität ausgesprochen freizügig um, andererseits aber auch sehr kindlich geblieben.
So läuft sie, wenn sich gerade niemand um sie kümmert, auch draußen ungeniert im Nachthemd herum und erscheint alleine nahezu lebensuntüchtig.
Sie ist sehr naturverbunden und umgibt sich mit allerlei Tieren, aus deren Fell sie nach ihrem Tod kleine kunsthandwerkliche Dinge herstellt.
Als ihre Mutter stirbt, entschließt sich ihre ältere Schwester Clara, die mit ihrem Mann in der Stadt lebt, für eine Weile zu Lily aufs Land zu ziehen, um sich um sie zu kümmern.
Aber anstatt unter Anleitung der angepassten und beherrschten großen Schwester auf ähnliche Art "erwachsen" zu werden, zeigt vielmehr die kleine Lily ihrer Schwester, worauf es im Leben ankommt:
Mit ihrem feinen Gespür für die psychischen Belange anderer erkennt Lily ganz intuitiv, daß Clara unglücklich ist und ihr Leben vor lauter Angepasstheit und dem ständigen Bestreben, zu gefallen und allen Erwartungen zu entsprechen, zu versäumen riskiert.
Ganz allmählich drehen sich die Verhältnisse um:
Clara beginnt, das Hineinleben in den Tag zu genießen und Lily ist es, die sich zur Abwechslung mal um die große Schwester kümmert.
Die Rolle der Lily scheint Ludivine Sagnier auf den Leib geschrieben zu sein.
Die große Überraschung des Filmes ist aber Diane Krüger.
Während ich sie in anderen, überwiegend amerikanischen Filmen, immer recht eindimensional, hölzern und statisch fand, ist sie hier offensichtlich endlich mal an ein Drehbuch und eine Regisseurin geraten, die zu ihr passen und ihr ermöglichen, ihre Rolle wirklich mit Leben zu erfüllen.
So nimmt man ihr nicht nur die kühle und beherrschte Anwaltsgattin am Anfang des Filmes ab, sondern auch ihre Wandlung in eine lebenslustige junge Frau.
"Barfuß auf Nacktschnecken" ist ein federleichter Sommerfilm mit viel Herz und genau dem richtigen Maß an Tiefgang und gleichzeitig ein Plädoyer für Toleranz und eine Hymne an das Landleben, welches in poetischen, sonnendurchfluteten Bildern wunderschön eingefangen wird.
Das einzige, was man Regisseurin Fabienne Berthaud möglicherweise vorwerfen könnte, ist, daß sie bei der sehr Pippi Langstrumpf-artigen Darstellung der Lili teilweise etwas dick aufträgt.
Letztlich ist aber doch alles sehr stimmig und es bleibt daher bei knappen fünf Sternchen und einer klaren Empfehlung für alle Freunde des europäischen Kinos.