Hin und wieder gönnt sich auch Hollywood einen selbstkritischen Blick hinter die Kulissen der Traumfabrik. "Die barfüßige Gräfin" gehört sicherlich zu den besonders unterhaltsamen Filmen dieser Gattung. Erzählt werden Aufstieg und Fall der spanischstämmigen Schauspielerin Maria Vargas (Ava Gardner). Im ersten Teil des Films wird sie von einem Filmteam um den Medienmogul Kirk Edwards (eiskalt: Warren Stevens) entdeckt und Dank der Unterstützung ihres Regisseurs Harry Dawes (besonnen als väterlicher Freund: Humphrey Bogart) zum Filmstar aufgebaut. Trotz ihres Erfolges fühlt Maria sich nicht zugehörig. Im zweiten Teil emanzipiert sich Maria zunehmend von den Zwängen des Ruhms, führt mit dem Gigolo Alberto Bravano (oberflächlich charmant, latent aggressiv: Marius Goring) ein Lotterleben an der Riviera. Bravano bezahlt sie dafür, dass sie die Öffentlichkeit glauben lässt, sie sei seine Freundin (was sie aber nicht ist). Im kultivierten italienischen Grafen Vincenzo Torlato-Favrini (attraktiv wie immer: Rossano Brazzi) scheint sie den Mann ihrer Träume gefunden zu haben. Oder doch nicht?
Erzählt wird Marias Leben in Rückblenden. Wir wissen schon zu Beginn, dass Maria tot ist. Aus den Erinnerungen von Dawes, des Filmagenten Oscar Muldoon (herrlich charakterschwach: Edmond O`Brien) und ihres Mannes Vincenzo werden die letzen Jahre der Diva rekonstruiert. Ähnlichkeiten zu realen Personen (Howard Hughes, Rita Hayward) sind beabsichtigt, der Film funktioniert aber auch ohne diese Parallelen. Dabei wird die Szene, in der sie mit Bravano bricht und zu Vincenzo geht, aus zwei verschiedenen Perspektiven erzählt. Es ist mir nicht ganz gelungen zu erkennen, ob dieselbe Szene lediglich aus verschiedenen Kamerawinkeln aufgenommen oder neu gedreht wurde. Die Charakterzeichnung ist sehr gelungen. Edwards gibt nach außen den unantastbaren Geschäftsmann, kann aber nur schwer seine seelische Impotenz verbergen. Vincenzo liebt Maria wirklich, aber im Gespräch mit seiner Schwester offenbaren sich auch sehr bedenkliche Motive für eine Verbindung mit ihr. Dawes erkennt, dass Marias Traum nicht in Erfüllung geht, ohne die Tragödie abwenden zu können.
Die Kamera liebt Ava Gardner, wie schon in "Pandora und der fliegende Holländer" wird sie von Jack Cardiff in Szene gesetzt. Die traumhafte Musik von Mario Nascimbene unterstreicht die Unabwendbarkeit des Schicksals. Man darf sie sentimental nennen, ich liebe sie!
Nicht selten werden Mankiewicz` Filmen Geschwätzigkeit nachgesagt. Vielleicht ist das bloß Neid, denn gerade sein Drehbuch für die Gräfin ist eine zeitlos bissige Aneinanderreihung von boshaften Wahrheiten. Kleine Auswahl gefällig?
- Sie liebten sich wirklich. Das merkte man daran, dass sie niemals Interviews über eine bevorstehende Hochzeit gaben.
- Er verfügte über viele Ölquellen, aber über keinen Humor.
- (über den Jet Set) Sie regierten die Riviera - mit Erlaubnis der Direktion.
- Es ist nie zu spät, Charakter zu entwickeln. usw, usw.
Das Ende des Films ist zwar sehr konstruiert, aber das schmälert das Vergnügen nicht wesentlich. Etwas flapsig könnte man sagen, dass Maria an einer Kombination aus fehlendem Realitätssinn und einer Kommunikationsstörung gestorben ist. Daran sind aber viele Frauen in Hollywoodmelodramen gestorben, vielleicht war die (für mich) etwas unglaubwürdige Zuspitzung hier sogar als ironischer Seitenhieb gemeint. Ein Oscar für Edmond O`Brien und eine Nominierung für das Drehbuch von Mankiewicz.
Zur Ausstattung: Die Bildqualität ist in Ordnung, aber keineswegs brillant, Originalton und Synchronfassungen (D, F, Sp) in sauberem Monoton, üppig Untertitel (Engl. und Deutsch auch für Hörgeschädigte), als Extras nur den Trailer.
Bemerkenswert bleibt dieser Film -trotz kleiner inhaltlicher Schwächen- wegen seines pointierten Drehbuchs und seiner für die 1950er Jahre revolutionären Erzähltechnik. Irgendwie gefällt mir der Film bei jedem Ansehen besser.