Es war die Art von Kälte, die durch alle Knochen dringt. Meine Füße schmerzten,
warum eigentlich? Wie lange war ich denn schon unterwegs? Ich lief weiter,
folgte dem Verlauf des Gewässers an meiner rechten Seite. Der Wind, der vom
Wasser her kräftig wehte, ließ mich noch mehr frösteln. Ich fühlte mich müde und
erschöpft. Wie weit wollte ich eigentlich noch laufen? Wohin wollte ich? Ich
wusste keine Antwort. Vielleicht hatte ich es vergessen? Wann und wo war ich
aufgebrochen? Auch darauf fehlte mir eine Antwort. Ich betrachtete meine
Umgebung, aber alle Häuser, die Straße, der Fluss, alles erschien mir völlig
fremd. Langsam stieg ein starkes Gefühl des Unbehagens in mir hoch. Wo war mein
Ziel? Meine Knie fühlten sich plötzlich ganz weich an. Ich wollte mich unbedingt
einige Minuten ausruhen und ließ mich trotz der Kälte auf einer Parkbank nieder.
Mein Blick wanderte an mir herunter. Warum hatte ich mich nicht wärmer angezogen
bei diesem ungemütlichen Wetter? Ich versuchte, ganz ruhig und konzentriert
darüber nachzudenken, was ich eigentlich vorhatte. Aber meine Gedanken wurden
gelähmt durch die Frage, woher ich wohl diese schier unerträglichen
Kopfschmerzen hatte, die mich zusätzlich zur Kälte plagten. Die Stirnpartie über
meinem linken Auge schmerzte unerträglich und die Berührung meiner Hand schien
den Schmerz noch zu steigern. Was sollte ich nur tun?
Nach einiger Zeit nahm ein älterer Herr neben mir Platz und entfaltete seine
Zeitung. Ich versuchte angestrengt, das Datum zu erkennen. Es gelang mir leider
nicht. Ich atmete tief durch, aber der Schmerz in meinem Kopf wurde noch
schlimmer. Ich fragte den Mann, ob er mir den Wochentag und das Datum nennen
könne. Er sah mich verwundert an und fragte dann, ob es mir nicht gut gehe, ich
sei ja so blass. Ich antwortete nicht und er beobachtete mich besorgt. Nach
einiger Zeit fragte er plötzlich: "Na, junge Frau, wie heißen Sie denn?"
Ich sah ihn verwundert an und überlegte krampfhaft, konnte ihm aber seine Frage
nicht beantworten. Ich wusste meinen Namen nicht!
Panische Angst stieg in mir hoch. Ich versuchte noch einmal zu antworten, aber
mein Name, er fiel mir nicht mehr ein! Ich sprang auf und rannte davon. Ich lief
und lief und lief, wie lange weiß ich nicht. Irgendwann blieb ich stehen und
suchte in meiner Handtasche nach einem Hinweis, wie mein Name lauten könnte und
wohin ich eigentlich unterwegs war, aber ich konnte nichts finden. Ich lief
weiter, bis meine Beine nicht mehr wollten. Unvermittelt fand ich mich vor einer
großen, düster aussehenden Kirche wieder. Ein paar Schritte weiter, direkt an
der Kirchenwand, entdeckte ich einen Schaukasten. Auf leuchtend gelbem
Untergrund wurde ich auf eine Seelsorgeeinrichtung hingewiesen, die sich
offenbar ganz in der Nähe befand. Völlig erschöpft und ratlos entschloss ich
mich, das Seelsorgecafé aufzusuchen und um Rat zu fragen. Ich nahm meinen ganzen
Mut zusammen und ging in das Café. Ich wurde von einer freundlichen Dame
empfangen, die fragte, ob sie mir helfen könne. Da brach ich in Tränen aus und
war für einige Minuten nicht in der Lage, auch nur ein Wort zu sagen. Als ich
schließlich zu erzählen begann, änderte sich der Ausdruck in den Augen meiner
Zuhörerin von Aufmerksamkeit über Mitgefühl zu Verwunderung und Unglauben. Sie
wusste zunächst keinen Rat. Gemeinsam durchforsteten wir den Inhalt meiner
Handtasche, aber ohne Erfolg. Ich konnte überhaupt nicht mehr aufhören zu
weinen. Die Frau verließ den Raum, um zu telefonieren. Bei ihrer Rückkehr teilte
sie mir mit, dass sie mit einer Ärztin aus einer benachbarten Praxis gesprochen
habe. Sie würde mich begleiten, dort könne man mir sicher helfen. Sie brachte
mich über einen kleinen Hof, an ein paar Geschäften vorbei, und führte mich
zwischen zwei Läden hindurch in einen Hausflur, einige Treppen hinauf in die
Arztpraxis. Die Dame wechselte einige Worte mit der Sprechstundenhilfe, danach
wurde ich in einen kleinen Nebenraum gebracht, der offensichtlich als Labor
genutzt wurde, da einige mit Blut gefüllte Plastikröhrchen auf dem Tisch
standen. Die Arzthelferin kam nach kurzer Zeit zurück, bat mich, Platz zu nehmen
und fühlte meinen Puls. Anschließend maß sie noch den Blutdruck und fragte mich,
ob ich Medikamente einnehmen würde. Wieder konnte ich keine Antwort geben. Als
sie mich alleine ließ, überlegte ich, was wohl als Nächstes auf mich zukommen
würde. Nach einiger Zeit erschien die Ärztin. Sie fragte mich ebenfalls nach
Namen, Wohnort, Krankenversicherung, Familienangehörigen und anderen Dingen. Mit
jeder Frage wuchs meine Angst, denn ich konnte ihr nicht antworten. Warum nicht?
Ich musste doch wenigstens meinen Namen wissen! Die Ärztin verließ den Raum und
ich konnte hören, wie sie ihre Sprechstundenhilfe aufforderte, die Polizei zu
informieren. Im Verlauf des Telefongesprächs bekam ich mit, dass sich die
Polizei offenbar nicht zuständig fühlte, woraufhin die Ärztin erklärte, sie
wisse sich auch keinen Rat, sie würde mich zur Überwachung in eine Klinik
einweisen. Niemand hielt es offenbar für nötig, mir diese Überlegungen
persönlich mitzuteilen. Ich saß immer noch in dem kleinen Labor und versuchte,
die in mir aufsteigende Panik niederzukämpfen. Nach einer unendlich lang
erscheinenden Zeit tauchte nochmals die Arzthelferin auf und teilte mir mit,
dass man mich gleich abholen würde, ein Krankenwagen solle mich in die Klinik
bringen.
Kurz darauf kamen zwei Sanitäter, hakten mich rechts und links unter, brachten
mich zu einem Krankenwagen, schnallten mich in einem tiefen Sessel an und fuhren
los. Der Jüngere der beiden blieb auf der Trage neben mir sitzen, fragte, wie es
mir gehe, ob ich die Straße, auf der wir fuhren, kennen würde und versuchte
immer wieder, mich zu beruhigen. Er erklärte mir, es käme häufiger vor, dass
jemand größere oder kleinere Teile des im Gehirn gespeicherten Wissens vergessen
würde, aber ich solle mir keine Sorgen machen, innerhalb einiger Stunden,
spätestens nach einigen Tagen würde ich wieder über alle Informationen verfügen,
die mir nun fehlten.