"Glauben! Wie sollte er an den Mann glauben können, den er an einem Kreuz hatte hängen sehen! Diesen Leib, der nun schon seit langem tot war, nichts als tot, und der - wie er selber bezeugen konnte - nicht wieder auferstanden war! Das war nur etwas, was die sich einbildeten. Alles miteinander war nur etwas, was die sich einbildeten! Es gab niemand, der von den Toten auferstand, weder deren angebeteter "Meister", noch sonst jemand. Und schließlich, - er hatte ja nichts dazu tun können, welchen sie wählten. Das war ja doch deren Sache gewesen! Die hatten wählen können, wen sie wollten, zufällig war die Wahl so ausgefallen. Gottes Sohn!
Gottes Sohn war er ja doch nicht! Aber falls er's gewesen wäre, dann hätte er sich nie und nimmer kreuzigen zu lassen brauchen, wenn er das nicht selber gewollt hätte. Er mußte es ja doch selbst gewollt haben. Und das war etwas Seltsames und Unheimliches: er mußte leiden gewollt haben. Denn wenn er wirklich Gottes Sohn gewesen wäre, dann wäre es ihm doch ein leichtes gewesen, sich das zu ersparen. Aber er hatte sich das nicht ersparen wollen. Er hatte leiden und sterben wollen auf die grausamste Art und Weise und sich das nicht ersparen wollen, und dann war es so gekommen, er hatte seinen Willen durchgesetzt, nicht freigelassen zu werden. Er hatte statt seiner ihn, Barabbas, freikommen lassen. Er hatte befohlen: Gebt Barabbas los, und kreuzigt mich! - Obwohl er natürlich nicht Gottes Sohn war, das war klar ..." *
Barabbas - das ist der Räuber, wohl auch Mörder, den die Menge an Jesu Statt freizulassen gefordert hat. Der, der erkennen muss, dass jemand, der eigentlich ohne Schuld ist, an seiner Statt hingerichtet wurde. Barabbas wird zwar tatsächlich in allen vier Evangelien erwähnt, aber über sein Schicksal ist nichts weiter bekannt. Mit Jesu Hinrichtung - Kreuzigung - beginnt denn nun diese fiktive Erzählung.
Barabbas ist nun frei, aber er beginnt sich zu fragen, warum der, der sich so anmaßend "Gottes Sohn" nennt und hingerichtet zu werden droht - wegen einiger als politisch nicht opportun einzustufender Äußerungen - nicht imstande ist, sich aus dieser Lage zu befreien. Er müsste doch die Macht haben, oder nicht? Barabbas hat Zweifel, und er wird sie zeit seines Lebens behalten. Der Leser begleitet ihn auf dieser unglaublichen und doch sehr glaubhaft geschilderten "Reise".
Dieser Roman ist klar und schnörkellos - sowohl in seiner Aussage als auch in seiner Sprache. Barabbas und niemand anderer ist der, um den es geht, und der letztendlich in einer zweideutigen Aussage seinen Glauben bekundet. Kaum jemand sonst in diesem Roman wird bei seinem Namen genannt, nicht Jesus, nicht Petrus, einer der engsten Vertrauten Jesu, und auf den Barabbas des Öfteren trifft, auch nicht die Frauen, mit denen Barabbas verkehrt, es ist immer nur "die Dicke", "die Hasenschartige" und "die", dafür aber der Sklave Sahak, mit dem Barabbas viele Jahre seines Lebens an ihn gekettet in den Gruben verbringt. Die Aussage dieses Romans ist kaum misszuverstehen und bildet gleichzeitig in minimalistisch-realistischer Art und Weise, aber dennoch sehr anschaulich, die (Herrschafts-)Verhältnisse der damaligen Zeit ab.
Es ist kein opulentes Werk, kein Monumental-Roman (vermutlich im Gegensatz zu der hochgelobten Verfilmung mit Anthony Quinn), sondern ein schlichtes kleines Büchlein, angemessen ist die Sprache den damaligen Gegebenheiten und auch der Person des Barabbas, ist dabei keineswegs spirituell-verklärt und erklärt vielleicht auch deshalb, weshalb es nachfolgend zu diesem "Rausch" kam, den das Christentum ausgelöst hat.
Ich finde es schade, und ein wenig wundert es mich, dass dieses Buch nicht neu aufgelegt wurde, und nur durch einen Zufall habe ich eine schon recht alte Ausgabe dieses wirklich lesenswerten Romans kürzlich in die Hände bekommen.
*Dieser Text ist der mir vorliegenden Ausgabe des Deutschen Buchklubs Seite 74 f. entnommen.