Es ist schwer, bei der Lektüre dieses Buches nicht in Wut zu geraten. In Wut über Politiker und Banker, die, manchmal ignorant, doch oft gewollt, die deutsche Bankenwelt in ein Desaster ohne gleichen geführt haben. Und man fragt sich, welcher Grössenwahn oder welche Geldgier diese Menschen, die dem Gemeinwohl des Landes verpflichtet sind, getrieben haben mag, als sie ein Stück Zukunft verzockten. Was die Menschen getrieben haben mag, was gar in der Gesellschaft schief gelaufen sein mag, davon handelt das Buch jedoch nicht. Vielmehr geht es um die Aufarbeitung der Fakten hinter dem Desaster, das mit dem Subprime-Debakel von Amerika wie eine Welle die Welt überrollte, vor allem aber Deutschland, dessen Banken sich mehr als alle anderen im Spiel ums Geld verrannt hatten.
Beispiel Sachsen LB aus dem Buch: Um in das Spiel vom grossen Geld einzusteigen, gründete die Bank 1999 die Sachsen LB Europe in Dublin, einem Offshore Zentrum mit niedrigen Steuern und lascher Regulierung. Ziel war, durch komlexe Deals mit Verbriefungsgeschäfte samt Refinanzierung durch Asset Backed Securities Gewinn aus Zinsdifferenzen der Papiere zu schlagen. Das Institut wurde zunächst nur mit 200 Millionen Eigenkapital ausgestattet. Doch gab die Heimatbank eine harte Patronatserklärung ab, die es dem Tochterinstitut erlaubte, sich bei Ratingagenturen Bestnoten zu sichern, und damit Glaubwürdigkeit im Markt zu erhalten - der erste Trick. Und der zweite: Als Tochter der Sachsen LB musste Dublin die verbrieften Hypotheken mit Eigenkapital unterlegen - und mit 200 Millionen kommt man da nicht weit. Abhilfe bot hier die Gründung von Zweckgesellschaften (Conduits), in diesem Fall die Georges Quay Funding, über die jene Geschäfte abgewickelt wurden, die nicht in den Büchern der Bank auftauchen sollten, um diese nicht zu belasten. Damit waren die Grundlagen für das Spiel ums Geld vorhanden - und die Voraussetzungen für die spätere Katastrophe: Am Ende machte das Gesamtrisiko der Sachsen LB 43 Milliarden Euro aus. 43 Millliarden Euro für eine kleine Landesbank. Und das unter der Aufsicht der Politik, die mit dem Ministerpräsidenten Milbradt immerhin vom Architekten der Sachsen LB geführt wurde. Und heute? Die 'toxischen' Papiere lagern heute in einem weiteren Conduit in Dublin. Zwischenbilanzen nicht vorhanden. "Geschäftsgeheimnis" heisst es vom Finanzminister. Damit sind es engültig die Politiker, die die toxischen Papiere verstecken.
Und dies ist nur ein Fall und nicht der schlimmste. Bestens informiert berichtet Leo Müller von der ganzen Breite des Desasters. Er zögert nicht, das Geschehen als Ergebnis von Täuschung, Veruntreuung, Bilanzälschung, etc. zu bezeichnen - und dies auch nachzuweisen. Einer der grössten Schwindel aller Zeiten. Politik und Bankenaufsicht haben nicht nur versagt, sie haben teils aktiv zu diesem Desaster beigetragen. Ihr Auftreten, allen voran Herr Steinbrück, haben dem Land geschadet.
Das Buch ist in drei Teile gegliedert: Im ersten Berichtet Müller von der Entwicklung der Bankenkrise in Deutschland und der Rolle der Politik. Teil zwei ist verschiedenen einzelnen Betrügern gewidmet: Den Wallstreet Gaunern, deutschen Hedgefonds Künstlern und schliesslich den Machenschaften der mittlerweile berühmten Händlern Leeson und Kerviel. Teil drei schliesst die deutsche Klammer, indem Müller wieder zu den spezifischen deutschen Banktricks zurückkehrt, die er Fall für Fall vorführt. Das Buch basiert auf dem Stand der Krise per Ende 2009. Seitdem hat sich wenig zum besseren gewendet.
Das Buch ist mit viel Schwung und journalistischer Sprachkompetenz geschrieben. Schade nur, dass Müller gerade im ersten Teil seine Wut nicht im Zaum halten kann. So sehr man ihm beipflichten möchte, ein wütender Redner ist oft auch ein unzuverlässiger Zeuge. Wut ist verständlich, dient aber der Sache nicht. Es hilft, dass Müller in gewohnter Manier seine Aussagen in Endnoten in Primär- und Sekundärquellen verortet. Erst in den Teilen zwei und drei kehrt er zu einer beherrschten Schreibweise zurück. Anders jedoch als in seinem höchst lesenswerten
Tatort Zürich: Einblicke in die Schattenwelt der internationalen Finanzkriminalität gelingt es ihm dieses Mal nicht, die vielen fachlichen Begriffe und komplizierten Finanzkonstrukte verständlich zu machen. Mag sein, dass eine solche Darstellung die Möglichkeiten eines solchen Buches übersteigen. Ein wenig mehr Ruhe in der Darstellung und ein wenig mehr Erklärung der Begrifflichkeit hätten diesem Buch jedoch gut getan.
Die Krise ist nicht zu Ende. Dieses Buch ist jetzt zu lesen, wenn man wissen möchte, was noch auf uns zukommt.