Man muß kein Ballett-Fan sein, um die großen Ballettkompositionen bedeutender Komponisten schätzen zu können. Freilich: auch in den besten Balletten spürt man gelegentlich, wie sich die Musik den Bedürfnissen des Balletts unterordnet, aber umgekehrt ist es schade, z.B. die Ballettpartituren von Tschaikowsky auf die Suiten zu reduzieren, die nur einen Bruchteil der Schönheiten des gesamten Werkes wiedergeben.
Französische Musik des 19. Jh. erfreut sich in Deutschland derzeit nicht unbedingt großer Beliebtheit. Die Opern von Massenet, Delibes oder Gounod sind auf den Spielplänen unserer Häuser in die Raritätenecke verbannt. Gerade die Musik von Delibes ist weitaus substanzvoller, als gemeinhin angenommen, und Auszüge aus seinen Balletten gehören eigentlich dringend regelmäßig in unsere Konzertsäle: die beiden abendfüllenden Ballette "Coppélia" und "Sylvia" können neben ihrem melodischem und harmonischen Charme v.a. auch durch ihre virtuose Instrumentation begeistern. Zahlreiche Komponisten der Vergangenheit - überliefert ist dies z.B. von Tschaikowsky und Elgar - haben Delibes' Musik sehr geschätzt.
Die vorliegende Kompilation aller drei Ballette von Delibes kann nur bedingt überzeugen und vermittelt nur einen Teil der Kunstfertigkeit der Werke. Richard Bonynge ist zweifelsohne ein bedeutender Belcanto-Experte, aber sicherlich kein Orchestererzieher oder Pultvirtuose. Keine der drei Aufnahmen kann überzeugen, was die Spielqualität der drei verschiedenen Orchester anbelangt. Miserables Zusammenspiel, stellenweise schlechte Intonation (Streicher und Bläser gleichermaßen) und größtenteils eine sehr schlechte interne Orchesterbalance werden der brillanten Instrumentation nicht gerecht, wobei erstaunlicherweise das Londoner Covent-Garden-Orchester mit Abstand am schlechtesten abschneidet. Die einzelnen Sätze sind zwar mit sehr viel Liebe zum Detail gestaltet, mit geschmackvollen Rubati, schöner Phrasierung und Freiraum für die diversen Instrumentalsolisten, aber von einem orchestertechnischen Blickwinkel betrachtet bleiben zu viele Wünsche offen, als daß hier eine Referenzaufnahme vorliegen würde.
Nachdrücklich gewarnt muß die Vollständigkeits-Fanatiker zudem vor der Aufnahme von "La Source". Nur knapp die Hälfte der Musik stammt von Delibes, der übrige Teil jedoch von Léon Minkus. Dessen Beitrag ist an Belanglosigkeit nicht zu übertreffen und irgendwo im Bereich der Dritt- oder Viertklassigkeit angesiedelt: einer jener Komponisten, die offenbar Ballettmusik von der Stange lieferten. Keine einzige melodische Erfindung ist wirklich interessant, manche Nummer wirkt gradezu peinlich (etwa "Marche de la Caravane"), und die Instrumentation ist einfalls- und farblos. Die schier endlosen 40 Minuten von Minkus' 1. Aktes sind allerdings auch ein schlagender Beweis, wie gut Delibes Musik wirklich ist: sein 2. Akt wirkt danach fast schon genial, auch wenn sein Beitrag zu dieser Gemeinschaftsarbeit nicht auf der Höhe seiner anderen beiden Ballette steht.
Wer preiswert die Ballette Delibes' kennenlernen will, mag zu dieser eher soliden als wirklich kongenialen Produktion greifen, wer seine beiden Hauptwerke, "Coppélia" und "Sylvia", in exzellenten Aufnahmen hören möchte, hat derzeit leider nicht sehr viel Auswahl, ist aber mit den EMI-Produktionen unter Jean-Baptiste Mari von 1977 gut beraten.