Damit fing alles an. Ich war 13, sollte später in jenem Sommer 1997 meine erste Band gründen, und ein Kumpel hatte "Ballbreaker". Die ersten Takte von "Hard As A Rock" ertönten aus dem Lautsprecher, dazu die coolen Comics im Booklet, und ich war AC/DC verfallen. Von irgendwoher tauchte zeitgleich "If You Want Blood" auf (wie schwer es doch manchmal ist, jene seltsam verschlungenen Pfade im Nachhinein nachzuvollziehen, die doch so prägend sind für junge Adoleszenten), jener raue Konzertmitschnitt mit Bon Scott - und so hatte ich beide Kapitel der Band mit einem Streich kennengelernt. Im Eiltempo, wie in einem Wettrüsten, legten ich und mein Kumpel uns den Backkatalog der Australier zu, und jedes neue Album, das wir uns zulegten, wurde wie eine Offenbarung gefeiert. In der Tat waren AC/DC eine der ersten Bands, die ich mir selbst erschlossen, erobert habe. Was für eine schöne, unbeschwerte Zeit.
Etliche Jahre, unzählige Live-Videos und DVDs, grottenschlechte als auch passable Bootlegs und zwei besuchte Konzerte (inkl. Händeschütteln mit Brian Johnson) später, kann ich "Ballbreaker" nun in Gesamtkontext einordnen, wobei ich nicht umhin kann, das Werk auch heute noch mit leicht verklärtem Blick zu betrachten. Und so will ich hier gar nicht behaupten, es sei das beste Album der Australier, aber es ist auf jeden Fall jenes, was mir bis heute am besten gefällt. AC/DC Originalität nachsagen zu wollen grenzt an ein Bubenstück, aber in diesem Falle drängt sich mir dieses Prädikat auf. Und auch wenn ich mich bemühe, objektiv zu bleiben, so muss ich feststellen, dass kaum das Songwriting von Angus & Malcom je so ausgefeilt, so dramaturgisch inszeniert, so vielseitig war, wie hier - zumindest in der Brian Johnson Ära.
Für die Band war es nach dem sensationellen Erfolg mit dem geglätteten "The Razor's Edge" fünf Jahre zuvor und ausgedehnter Welttournee ein Schritt zurück zu den eigenen Wurzeln - zumal Phil Rudd, Schlagzeuger der Urbesetzung, nach über zehn Jahren Abstinenz mit seinen Kippen und seinen zerfurchten Totenkopfgrinsen wieder auf den Schemel hinter der Bassdrum und den zwei Hängetoms zurückkehrte. Rick Rubin als Produzent tat ein übriges, der Band einen raueren, erdigeren Sound zu verpassen - die Zeiten der Kommerzanbiederung à la "Moneytalks" waren vorbei, hier wurde knochentrockener Bluesrock in Reinform betrieben, ohne Sperenzien. Aber doch mit dem gewissen Etwas, das jedem Song einen eigenen Charakter, ein eigenes Gesicht verleiht - und das will bei AC/DC - bei aller Liebe - schon was heißen. Vor allem wenn man mit den über großen Strecken sehr einfallslosen Nachfolgern "Stiff Upper Lip" und besonders "Black Ice" vergleicht, dann wird deutlich, welche kreative Kraft hier anno 1995 am Werke war.
Damals wie heute besticht jeder Song durch seinen ganz eigenen Reiz. Da ist das düster-treibende "The Furor", der trockene Blues über den "Boogie Man", das hymnenhafte "Hail Caesar", der schweißtreibende Titelsong, der beeindruckend demonstriert, was man mit einem Zweiakkordriff anstellen kann. Das können so nur AC/DC, das ist die ganz große Kunst des Simplizismus. Am besten gefällt mir nach wie vor der Song, den ich aus der ganzen Bandgeschichte am liebsten mag: "Burning Alive", mit seinem dramatischen Aufbau und dem grandiosen Refrain. Der besteht im Prinzip wie so oft auch nur aus zwei Worten, nämlich "Burning" und "Alive", aber irgendwie haftet ihm etwas ungleich Majestätisches, Erhabenes und Erhebendes an. An sich sind die Zutaten also die gleichen wie immer bei AC/DC, vom songdienlichen und nie überkandidelten Getrommel Phil Rudds, über Brian Johnsons Hustenreizgesang und Angus Youngs Soloeskapaden auf der Basis von Malcolms - diesmal staubtrockener - Rhythmusspur, aber ich höre mehr: Ein Feuer, eine Leidenschaft, und eben einen Ideenreichtum, die aus den einzelnen Komponenten mehr machen als die Summe seiner Zutaten.
Es zeigt, zu was AC/DC-Songs in der Lage sind, wenn man ihnen Raum gibt sich zu entfalten, hier werden verschiedene Stimmungen ausprobiert, wobei die musikalischen Zutaten eine ungeahnte Effektivität entfalten, allein die Gitarrenfigur im Refrain von "Whisky On The Rocks" - kleine Ursache, große Wirkung. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, sollte man meinen - aber wenn man "Black Ice" hört, wo jede gute Idee vom störrischen 4/4-Takt, drei Akkorden und einem 3 bis 4-Minuten-Korsett unterdrückt wird und im langweiligen Einheitsbrei versinkt, dann muss ich wohl einsehen, dass "Ballbreaker" die letzte Großtat von AC/DC war. Auf jeden Fall ein rundum gelungenes, in sich stimmiges Album, das mit "Hard As A Rock" einen großen Klassiker (den letzten?) der Bandgeschichte hervorgebracht hat. Es gibt keinen wirklichen Tiefpunkt auf "Ballbreaker", keinen Ausrutscher, aber jede Menge Spielfreude, Dynamik, und, ja, im Kontext gesehen muss ich sagen: Originalität, so dass es nun doch heraus muss: Ja, "Ballbreaker" ist das beste Album mit Brian Johnson.
Zumindest für mich.