Die Hosen haben mich während meiner letzten gut 24 Jahre mehr oder weniger begleitet, sei es beim "konservativen" Schützenfest in meiner Heimat oder auf diversen Punkfeten, bei und vor Fussballspielen oder bei Konzerten und Festivals. Deshalb sind sie für mich mehr als eine Band, sie sind eine Art kulturelle Instituition, die mich schon von meiner Kindheit an in verschiedenen Lebensphasen und in völlig unterschiedlichen Umfeldern begleitet und teilweise geprägt hat. Dementsprechend hatten sie es in den letzten Jahren nicht einfach, mich so wie in den 90ern zu begeistern. Daher hätte ich ihnen ehrlich gesagt nicht mehr zugetraut, bei mir einen Volltreffer zu landen.
Und voila, da bringt diese für mich persönlich wichtigste deutsche Rockband zum 30 jährigen Jubiläum ein Album mit Namen "Ballast der Republik" raus, das es doch tatsächlich schafft, mich sowohl in die späten 80er, als ich das erste mal als 10jähriger Alex gehört habe, als auch in die 90er, als ich in meiner Revoluzzerphase durch die "Kauf mich" und "Opium für das Volk" auch eine deutschsprachige Band vorgefunden habe, von der ich mich verstanden fühlte und mich u.a. dazu inspirieren konnte, selbst die Gitarre in die Hand zu nehmen, als auch in die 2000er, als ich mich als Student mit meinem ersten "Auswärtsspiel" vom Elternhaus darüber freuen durfte, dass die Hosen nach ihrem schwachen "Unsterblich" wieder zur Bestform auflaufen konnten, als auch in das Hier und Jetzt, eine Zeit, in der die musikalischen Höhepunkte immer seltener werden und ich mich extrem auf ein geniales Line Up mit dem perfekten Abschluss des Geburtstagsgigs der Hosen bei meinem 13. Rock am Ring freue, zu katapultieren.
Nachdem der Song "Tage wie diese" mein momentanes Lebensgefühl mit der Vorfreude auf den 3. Juni punktgenau getroffen hat habe ich mir schon einiges von dieser Platte erhofft. Aber diese Begeisterung? Die hätte ich beileibe nicht erwartet.
In meinen Augen haben die Hosen genau die Mischung aus politischer Positionierung, Nachdenklichkeit, Liebe, feierliche Hymne, Pathos und Melancholie getroffen, die sie stets so ausgezeichnet hat. Ich bin mir ganz sicher, dass ich Lieder wie "Tage wie diese", "Traurig einen Sommer lang", "Altes Fieber", "Schade, wie kann das passieren","Oberhausen" und "Das ist unser Tag" auch noch in 10 Jahren mitgröhlen werde, ähnlich wie ich das heute zu den passenden Gelegenheiten bei so, so vielen Hymnen der Hosen mache.
Auch die Lieder, die ich lieber zu Hause im stillen Kämmerlein höre als auf Partys oder Gigs konnten und können mich völlig einnehmen. Mein persönlicher Favorit ist "Drei Worte", ein absolut geniales Intro, das ein wenig Hosenuntypisch an "Alice in Chains" erinnert, um punktgenau in dem typischen Hosensound zu münden. Bei "Draußen vor der Tür" bekommt man den Eindruck, da würde ein jugendlicher Campino über das schwierige Verhältnis mit seinem Vater singen. Einfach phantastisch!
Dazu eine Bonus CD mit "Geister, die wir riefen", von deren 15 Covern man den Großteil als Oldschool 70er 80er Punk bezeichnen kann, also Hosen aus den 80ern pur! Zusätzlich sind Gedichte von Hesse und Kästner bzw. das "Moorsoldatenlied" von KZ Häftlingen von Börgermoor vertont. Ein "Schrei nach Liebe" Cover (ein Traum!) und das wunderbare zu Campino und Co. so herrlich passende Volkslied "Heute hier, morgen dort" gibt es ebenso wie ein Antinazisong von 1928 von Fritz Grünbaum, ein jüdischer Komponist, der von den Nazis später ermordet wurde. Nach mehrmaligen Hören merkt man, dass die Cover sehr genau ausgewählt worden sind und man erkennt, dass die Band zwar ihre Wurzeln in den 70ern hat, die Toten Hosen aber mittlerweile viel mehr sind, als der damalige Zeitgeist. Insgesamt kann man sagen, dass alles perfekt abgerundet ist. So muss eine Jubiläums CD aussehen, so muss sie sich anhören.
Gibt es auch schwächere Songs? Ehrlich gesagt interessiert mich das nicht die Bohne! Ich gehöre zu der Generation, die das künstlerische Schaffen einer Band anhand eines Albums als Ganzes beurteilt. Daher gibt es hier nichts zu kritisieren, weil dieses Album im Gesamten eine Perle im Ozean der Musiküberflutung ist.
Fazit:
Da es heute viel schwieriger ist, mich zu begeistern als in den 90ern, behaupte ich, dass die Hosen so gut sind, wie nie zuvor. Sie haben all ihre besten Seiten aus den letzten 30 Jahren zu einer in sich perfekt funktionierenden Einheit gemixt, um ein Album zu kreieren, das in den kommenden Wochen und Monaten noch für Furore sorgen und in Jahren immer noch in kultiger Erinnerung geblieben sein wird. Zumindest was mich betrifft!
Ich bin noch keine 60
und ich bin auch nicht nah dran
Und erst dann möcht ich erzählen
was früher einmal war
Auch wenn Die Toten Hosen auch auf diesem Album den Blick in die Zukunft nicht verloren haben, jetzt wo sie alle um die 50 sind, ist die Zeit gekommen, in der der Blick auf die Vergangenheit ebenso wichtig erscheint. Aus dem Kreuzzug ist eine Zeitreise geworden, und das ist gut so!
Danke liebe Hosen, das was ihr bietet, kann man mit Geld nicht aufwiegen... :-)