Zur Rezension eines Kinderbuchs von Thomas Assheuer "'Wenn die Zeit zur Neige geht". Die >Ballade vom Tod< erzählt vom Unaussprechlichen' in DIE ZEIT, Nr. 42 (Literaturbeilage)
Nach dem Lesen dieser Rezension habe ich mich gefragt: Soll hier vom Kauf oder gar Verschenken dieses Kinderbuchs eher ab- oder zugeraten werden? Gilt mehr der "eiskalte Funktionalismus von nachchristliche Antworten auf die Frage nach Tod und Sterben'" oder die '"große Lebensfreude'" bzw. die '"so menschlichen Farben' der 'hinreißenden Zeichnungen', die 'einfach fabelhaft und eine wahre Augenweide'" sind? Ist der Tod bloß "'vitale Sanitäterin der Menschheit als ihr großer Aufräumer und Platzschaffer"'? Kann, darf man mit Kindern so "o'hne Rücksicht auf religiöse Empfindlichkeiten über den Tod sprechen'"?
Formulierungen wie "eiskalt", "diese Horrorvision", "um es behutsam zu sagen" usw. zeigen an, dass der Rezensent hier - bei aller Ambivalenz seiner Aussagen - wohl eher vor einer möglichen Gefahr dieses Kinderbuchs warnen will.
Interessant ist nun, dass er selbst diese Gefahr weniger bei den Kindern als bei den Erwachsenen verortet, die sich schämen, ihre Kinder 'mit alten Antworten abzufertigen'. Denn die christlich-religiöse 'Botschaft tröstet nur Erwachsene, die lange über das Leben nachgedacht haben und über alles aufgeklärt sind, auch über die Aufklärung', während sie 'in Kinderohren ' viel zu naiv' klingt. Dies würde auch und um so mehr gelten, wenn tatsächlich 'schon Dreijährige einen untrüglichen metaphysischen Sinn' haben, wie der Rezensent meint. Die Bezeichnung 'metaphysisch' steht jedoch in klarem Widerspruch zur eigenen Kinderohrendiagnose, die zu ergänzen wäre durch die Kinderaugen- und 'munddiagnose, wie sie sich in Hans Christian Andersens Märchen 'Des Kaisers neue Kleider' ausdrückt, in dem ein Kind das für Erwachsene '"Unaussprechliche'" sagt, oder den so intuitiv-klarsichtigen Worten, die der ZEIT-Rezensent selbst aus Kindermund zitiert: '"Die Dinosaurier sind ausgestorben. Wann bin ich ausgestorben?'" Hier drückt sich kein 'untrüglich metaphysischer Sinn' aus, sondern ein unbestechlich-realistischer. Und für den ist die von diesem Kinderbuch gegebene Antwort eine in Bild und Wort "einfach fabelhaft" passende.
Dies sei allen Kinderbücher kaufenden und verschenkenden Erwachsenen gesagt -' ganz gleich, ob sie sich ihrer alten christlichen Antworten schämen oder nicht. Denn in beiden Fällen würden sich Kinder über ein Gespräch zu 'alten' und 'neuen' Antworten freuen -' zumal, wenn ein solches Gespräch ihnen die Möglichkeit lässt, sich irgendwann für eine eigne Antwort zu entscheiden.