Sechs bis acht Wochen dauerte eine Überfahrt von Europa nach Amerika auf den Segelschiffen der vergangenen Jahrhunderte. Sechs bis acht Wochen Risiko auf Leben und Tod. Entbehrungen in den Dünsten des Nebels. Schreckliche Zeiten in der Fäule der Auswandererschiffe. Die Salmonella enterica in den Zwischen- und Unterdecks. Typhus abdominalis, im englischen Sprachraum Typhoid Fever genannt.
Siebzig Tage lang dauerte die Überfahrt der "Leibnitz". Am 2. November 1867 stach das Schiff von Hamburg aus in See. Ziel: New York. Siebzig lange Tage Entsetzen, Schrecken und Not. Pest und Verderbnis entlang der Madeira-Route. 544 Passagiere, 108 Tote. Die anderen hatten Glück, blieben vom Typhus verschont. Alle?
Nein! Da war noch Mary Mallon. Sie hatte Unglück im Glück. Komisch nur, dass Mary Mallon damals noch fast zwei Jahre warten musste, bis sie in Cookstown, in Irland, das Licht der Welt erblickte um dann dreizehn-/vierzehnjährig, im Jahre 1883, in die Vereinigten Staaten auszuwandern.
"Auf Deck der 'Leibnitz' stand das Kind Maria, die Lippen bläulich vor Kälte und die Finger zu Fäusten verkrampft." Mary Mallon war vom Typhus nicht verschont geblieben. Sie hatte ihn intus. Allerdings: Sie blieb vom Ausbruch der Krankheit verschont. Und so wandelte sie - ihrer Erregerträgerschaft unentdeckt von Einwanderungs- und Gesundheitsbehörden - als Bakterienschleuder durch Küchen und Betten New Yorks. "Mary begann aufzuräumen. Sie träumte von Hotelküchen, in denen sie dereinst auf- und abgehen würde, hier etwas kostend, dort etwas prüfend -, ja, Steinpilze konnte sie aus ihrer Heimat kommen lassen, wo sie nur so aus dem Boden schossen, wenn im Sommer und Spätsommer die Heiligemariamuttergottes mit ihren Regentränen geweint hatte, gefolgt vom Wind."
Es gibt da noch dieses Buch des Schweizers Jürg Federspiel. Es nennt sich nicht Roman: "Die Ballade von der Typhoid Mary". Federspiel macht aus der Irländerin eine Schweizerin, gibt ihren Mädchennamen mit Maria Anna Caduff an, vermeint sogar, in Gemeinde- und Kirchenbüchern einer ungenannten Graubündner Gemeinde auf ihren Namen (und den ihrer mitausgewanderten Eltern und Geschwister) gestoßen zu sein, und stellte im Rahmen von Vergleichen mit den Passagierlisten der "Leibnitz" sogar fast Übereinstimmung fest. Großzügig wird das irische Mädchen Mary zur um sechzehn eidgenössische Jahre älteren Maria. Keine Frage: eine Ballade erlaubt so etwas.
Mary, die Irin, nicht Federspiels Schweizerin, ging als Typhoid Mary in die Annalen der medizinischen Besonderheiten ein. "Typhoid Mary" gilt inzwischen als Synonym für Seucheninfizierte und Virenträger, die Ansteckung verbreiten, selbst allerdings gesund bleiben. Jürg Federspiel beschreibt dies auf scheußliche und treffende Weise, bezugnehmend auf seine Schweizerin, nicht auf die Irin, und wie sie "im Volksmund unter dem Namen Typhoid Mary bekannt geworden ist. Durch ihre wahrhaft unglückliche Berufswahl - eine von nichts und niemandem unterdrückbare Leidenschaft fürs Kochen -, war ihre Wirkung so verheerend, dass schon die meisten Zeitgenossen sie für eine Erfindung hielten (...)". Wir erfahren jedoch mit klaren Worten: "Die Typhoid Mary ist keine Erfindung."
Schon die 1905er Ausgabe von Meyers Großem Konversationslexikon sah den Todesengel als Genius, der die Seele der Verstorbenen aus diesem zu einem bessern Leben hinüberführt. "Als du das Auge hobst, so scharf und nah, / Ein leises Schaudern plötzlich mich befangen, / O wohl, wohl ist der Todesengel da / Über mein Grab gegangen!" gab uns Annette von Droste-Hülshoff ihren Schauder wieder. Und als Todesengel sieht auch der 2007 in Basel verstorbene Jürg Federspiel seine Typhoid Mary. "Und dieser Engel Mary hat ein erbärmliches, ja hundsgemeines Leben führen müssen und viel Unglück unter die Menschen gebracht, in schuldiger Unschuld." Unglück im Glück.
Es war so um das Jahr 1907, da wurde man schließlich wohl doch auf Mary aufmerksam. Das New Yorker Gesundheitsamt trat in Aktion, Mary in Quarantäne zu stecken, später wieder freizulassen. Nach erneuten Typhusfällen, bei denen sie als Ansteckende identifiziert wurde, gab's Quarantäne auf Lebenszeit. Mary wurde zur Legende, zu der man jedoch in Distanz blieb. Bei Fällen von Typhus, die hier und da ausbrachen, witzelten die Zeitungen. Und wenn jemand unbeliebtes starb - gleich ob an Typhus oder anderer Ursache -, "pflegte man sich zuzuflüstern, der oder die Verblichene habe sich leider die Rühreier von der Typhoid Mary zubereiten lassen. Zeitweise geriet der wunderbare Vorname Maria in Verruf. In Feinschmecker-Restaurants galt es als Spaß, jemandem die Lust am Essen zu verderben, indem man erzählte, die Köchin des Lokals heiße Mary."