Die Alarmsignale sind unübersehbar: Bevölkerungsexplosion, Hungersnöte, abgeholzte Regenwälder, ausgebeutete Erzlagerstätten, aufgeheiztes Weltklima. Wir sind dabei, im Rahmen einer entfesselten globalisierten Ökonomie das soziale, kulturelle und ökologische Kapital massiv anzugreifen.
Um dem entgegenzuwirken, ist eine Änderung der weltweiten Ordnungssysteme hin zu einer globalen öko-sozialen Markwirtschaft erforderlich, angelehnt an das kontinentaleuropäische Konsens-Modell. Entscheidend sind Vereinbarungen zwischen wirtschaftlich stärkeren und schwächeren Partnern über die Angleichung von Standards ( Umweltschutz, Frauenrechte, Kinderarbeit ) in der Gesellschaft. So eröffnen die stärker entwickelten EU-Länder den neu hinzu kommenden Partnern über eine Co-Finanzierung ( Hilfe zur Selbsthilfe ) den Weg, höheren Standard akzeptieren zu können - obwohl sie dadurch einen Teil ihrer Wettbewerbsfähigkeit verlieren, die gerade aus dem Unterlaufen etwa von Umweltstandards resultiert.
Im globalen Maßstab hapert es jedoch an Co-Finanzierung. Die reichen Länder - allen voran die USA - sind bisher nicht bereit, die Finanzierung von Entwicklungsprogrammen wesentlich mitzutragen. Es ist daher notwendig, dass ein "Global Governance System" etabliert wird, das die Frage der Co-Finanzierung ins Zentrum rückt. So könnten an der Umsetzung von Standards orientierte Entwicklungsprogramme gestartet werden - finanziert durch eine Besteuerung von Welthandel und Finanztransaktionen, oder durch internationale Auflagen auf Mobilität und Energieverbrauch, etwa in Form einer Welt-Kerosinsteuer. Natürlich ist nicht zu erwarten, dass Menschen freiwillig unter ihren erreichten materiellen Status zurückfallen wollen. Selbst der reiche Norden verlangt als Gestaltungselement seiner künftigen politischen Prozesse unbedingt weiteres Wachstum. Und der Süden will massiv aufholen. Gleichzeitig ist die Umweltbelastung in vielen Bereichen heute bereits zu hoch. Das entscheidende Instrument zur Lösung dieses Dilemmas ist der weitere technischgesellschaftliche Fortschritt in Form von Dematerialisierung. Ziele ist es, mit Hilfe neuer technischer und organisatorischer Möglichkeiten die bisherige Lebensqualität zu sichern, und dies mit nur einem Viertel beziehungsweise einem Zehntel des heutigen Ressourcenverbrauchs und der jetzigen Umweltbelastungen pro Wertschöpfungseinheit.
Der technologische Fortschritt eröffnet in diesem Konzept für alle Menschen die Chance, ein von Not und Armut freies, Sinn stiftendes Leben in Würde unter Beachtung vielfältiger sozialer, kultureller und ökologischer Anliegen zu führen. Das größte Problem bei der Umsetzung dieses Konzepts ist allerdings nicht, die Ökoeffizienz in dem beschriebenen Umfang zu steigern, sondern zu verhindern, dass Ressourcenverbrauch und Umweltbelastungen dennoch zunehmen. Hier sind weltweite Abkommen für eine nachhaltige Entwicklung die größte Herausforderung, die vor uns liegt. Notwendig sind globale Umweltschutzverträge, die ihrerseits eine starke Angleichung der sozialen Verhältnisse voraussetzen. Das ist auch deshalb geboten, weil nur so die Bevölkerungsexplosion weltweit eingedämmt werden kann. Allein dadurch könnte das Pro-Kopf-Einkommen gesteigert werden, ohne die Natur zusätzlich zu belasten.
Es ist falsch zu glauben, dass neue Technologien, die die Ökoeffizienz erhöhen, automatisch nachhaltige globale Zustände herbeiführen.
Ganz im Gegenteil. Dem steht der sogenannte Bumerang-Effekt entgegen. Die Lösung eines Problems zieht häufig noch größere neue Probleme nach sich. Beispiele dafür sind die wachsende Menge an Elektronikschrott bei immer kleineren Mikrochips, das Anschwellen der Papierberge in Zeiten des vermeintlich papierlosen Büros oder die zunehmende Zahl an Reisen im Zeitalter von Telekommunikation und Handys. Insbesondere würde unter den heutigen Weltwirtschaftsbedingungen, die durch die Freihandelslogik der WTO bestimmt sind, weiteres Wachstum trotz höherer Ökoeffizienz stets stärkere Ressourcenbelastung und Umweltverschmutzung zur Folge haben. Technischer Fortschritt alleine reicht also nicht aus, um Nachhaltigkeit zu erreichen.
Ein weiteres Problem kommt hinzu. Wachstum wird üblicherweise über das Bruttosozialprodukt und seine Veränderung definiert. Problematisch daran ist, dass Unfälle und Zerstörungen und deren Bewältigung oft als positive Beiträge ins Bruttosozialprodukt einfließen, somit als Wachstum gewertet werden. Das gravierendste Problem ist aber, dass der ersatzlose Verbrauch wichtiger sozialer, kultureller und ökologischer Bestände ebenfalls positiv zu Buche schlägt. Beispiele sind der massive Zugriff des Nordens auf gut ausgebildete Menschen in Schwellenländern, die Zerstörung gewachsener regionaler, vor allem landwirtschaftlicher Selbstversorgungsstrukturen durch großindustrielle Versorgungsformen und schließlich die Zerstörung der Böden wie der Atmosphäre durch internationale Formen der Bereitstellung landwirtschaftlicher Produkte vergleichsweise niedriger Wertschöpfung (Monokulturen etc.).
In Zukunft müssen wir uns auf einen Wachstumsbegriff einigen, der mit der Vorstellung einer nachhaltigen Entwicklung verträglich ist. Das bedeutet, alle wichtigen ethischen Anliegen müssen in Form von Vorgaben und Restriktionen der Weltökonomie eingebunden werden.
Die Wachstumsraten werden dann - zumindest kurz- bis mittelfristig niedriger sein als heute. Dafür werden die Zahlen ehrlicher. Die einzige Quelle für mehr Wertschöpfung werden technische und gesellschaftliche Innovationen sein - und nicht gesteigerte Zerstörung und Ausbeutung.
Die Verankerung ökologischer Restriktionen einschließlich der sozial-kulturellen Erfordernisse in das ökonomische System lässt sich bei der heutigen politischen Ordnung nur über einen Konsens erreichen, an dem vor allem auch die WTO beteiligt sein muss. Dazu müssen sowohl der reichere Norden als auch der ärmere Süden bereit sein, auf weiteres Wachstum durch Kannibalisierung zu verzichten.
Die ärmeren Länder können angesichts ihrer wirtschaftlichen Schwierigkeiten Forderungen nach härteren Öko- und Sozialstandards nur dann zustimmen, wenn der reiche Norden im Gegenzug ihre Entwicklung mitfinanziert - so, wie das innerhalb der EU-Erweiterungsprozesse stets der Fall ist. Die Frage des sozialen Ausgleichs ist damit das entscheidende Kriterium für Zukunftsfähigkeit einer nachhaltigen Entwicklung.
Um diese Entwicklung anzuschieben, müssen zwei bis drei Prozent des Weltbruttosozialprodukts umverteilt werden - ähnlich wie das im Rahmen der EU-Erweiterungen bereits Praxis ist. Für gezielte Entwicklungsprozesse, für bessere Ernährung und Ausbildung, für Frauenförderung, für Gesundheits- und Rentensysteme, entsprechend der Logik einer sozialen Marktwirtschaft.
Es ist richtig wenn Kritiker meinen genau diese Prozesse lassen sich auch mit Deregulierungsansätzen (wenige reiche werden noch reicher) erreichen.
Nur mit drei wesentlichen Opfern:
· massive Umweltbelastung, - Zerstörung
· weitere Spaltung zwischen arm und reich im Süden
· Spaltung zwischen arm und reich im Norden
Auf Europa lastet die Verantwortung, dieses Ziel der sozialökologischen Gerechtigkeit zu erreichen. Zum einen müssen die Europäer die USA dafür gewinnen, sich stärker in Weltordnungsverträge einzubringen, etwa beim Weltgerichtshof, bei Kyoto-Abkommen zur Reduktion der Treibhausgase und der Fortentwicklung der Welthandelsorganisation. Zum anderen werden sie in absehbarer Zeit durch die Aufnahme der Türkei und des früheren Jugoslawiens in die EU erstmals einen fairen kulturellen Vertrag zwischen der christlichen und der islamischen Welt schließen müssen. Dieser könnte der Ausgangspunkt sein, um die kulturellen Spannungen in der Welt abzubauen - zum Nutzen der Menschheit.