Man wird Musik grundsätzlich nicht gerecht, sie mit einigen Adjektiven zu beschreiben und dem Leser schön zu reden. Der interessierte Hörer wird sich davon auch nicht überzeugen lassen, er will seine eigene Interpretation der Musik entwerfen. Trotzdem kann es vielleicht hilfreich sein, den ein oder anderen Gedankengang nachzufühlen.
Am besten nimmt man diese CD mit in die Natur, setzt sich auf den Steg eines Sees, schlendert ein wenig in den Wäldern und Wiesen umher oder setzt sich in einen Park, lehnt sich zurück und beobachtet Passanten oder blickt in den Himmel und denkt über Gott und die Welt nach. Wer hier glaubt, er könne 2 Stunden nonstop abtanzen, hat sich gänzlich geirrt. Man braucht für diesen Mix zweifelsohne die richtige Stimmung, vielleicht auch eine gewisse Sehnsucht nach etwas.
Allein die ersten 20 Minuten sind komplett beatlos - stattdessen wabernde, verzaubernde Klangstrudel. Agoria geht mit den Klängen sehr feinfühlig um - zur Mitte wird es rappeliger, schneller, kräftiger. Die Beats reißen den Hörer aus seinen Gedanken, ergreifen ihn und lassen ihn nicht mehr los. Das ganze erfolgt aber auf eine sehr angenehme Weise. Man schaut sich um und ist immer noch am vertrauten Platz des Beginns, der Seegänger beobachtet den ruhig fließenden Wellengang, der Waldläufer beschleunigt vielleicht sein Tempo, der Parkbesucher schaut vielleicht zu seiner Rechten, wer sich zu ihm auf die Bank gesetzt hat. Und doch ist man irgendwie nicht wieder ganz zurückgekehrt aus dieser Welt der Klangmalerei. Man befindet sich in einer meditativen Stimmung, in einer Art Trance - ganz ohne chemikalische Fremdeinwirkung. Das beste, was man tun kann, ist nun die Augen einfach wieder zu schließen und sich von den ausklingenden Tracks zum Ausgangspunkt des Geschehens treiben zu lassen - ja, treiben umschreibt die Klang- und Gefühlsreise wohl sehr gut. Die Lust auf eine melodische und rhythmische Gedankenreise reißt auf CD 2 nicht ab - hier fährt das Tempo jedoch schon früher hoch, schlägt weiter und tiefer aus, insgesamt intensiver und auch tanzbarer. Sehr ergreifend sind zum Schluss die gesungenen Worte von Kid A, die den wandelnen Naturgänger wieder in die Realität zurückholen, wieder den Boden unter den Füßen spüren lassen, wieder bewusst die Blicke ausrichten lassen ohne in dem wabernden Klangtunnel zu verweilen.
Und erst jetzt erkenne ich nach diesen Einblicken den Zusammenhang zwischen Cover und Musik. Auf dem Frontcover sitzt eine Person männlichen Aussehens auf einem unbequem erscheinenden Hocker von Kopf bis Fuß in Toilettenpapier gewickelt. Womöglich macht sie Agoria einen Spaß daraus, denn ihn findet man auf der zweiten Seite in der selben Haltung mit einem breiten Grinsen, aber ohne Toilettenpapier, wieder. Diese sanfte Art der Fesselung, die Umhüllung in weiches Papier ist eigentlich ein passendes Bild für die Musik, die Agoria spielt. Man kann jederzeit ausbrechen und die Fesseln lösen, man schläft nicht ein, dazu sitzt man zu unbequem bzw. ist zu sehr mit denken beschäftigt, usw.
Jeder, der mit reifem, satten elektronischen Sound etwas anfangen kann und einen Hang zur Träumerei hat, wird dem Kauf dieser CD nicht nachtrauern.