Es gibt Abende, an denen man sich trösten will.
Diesen Abend ging ich in die Videothek, um mich über eine Party, die ich gesundheitlich nicht wahrnehmen konnte, mit einem Film hinwegzutrösten. Hier wäre vielleicht unterhaltsames Popcorn-Kino die logischste Alternative gewesen. Stattdessen haben mich die überschwänglichen Kritiken auf dem Cover von "Bal - Honig" überzeugt, und ich habe mich für diesen Film entschieden.
Und schon auf dem Heimweg fragte ich mich, wie ich auf die Idee kam, mir einen türkischen Independent-Heimatfilm auszuleihen. Dementsprechend skeptisch war ich auch die ersten 15 Minuten. Da roch der Film noch nach typischem Kunstkino, das sich der Intellektuelle ansieht, um sich zur Elite zählen zu dürfen, sich aber insgeheim fragt, warum er sich dies eigentlich antut.
Nach fünfzehn Minuten ist dies aber vergessen. Dann entfaltet sich das große Potenzial des Films: Man ist voll und ganz in der Welt des sechsjährigen Yusuf gefangen. Jeder kindliche Schmerz wird greifbar, jede Impression wird wieder wie ein Wunder wahrgenommen. Dass diese Verzückung, die Welt wieder wie selbstverständlich aus Kindesaugen sehen zu können, sogar vergessen lässt, dass die Kultur, in der der Film spielt, eine ganz andere ist als die, in der man aufgewachsen ist, ist eine der überragendsten Stärken des Films.
Der Film bietet aber noch viel mehr Deutungsfläche: Der poetische Junge, der sich schon in der ersten Klasse von der Leistungs- und Wertungsgesellschaft überfordert fühlt und sich nichts mehr wünscht als Anerkennung. Die tiefe Freundschaft zum Vater und die Distanz zur Mutter, die sich so sehr wandelt, sobald der Vater als vermisst gilt.
Und zu guter Letzt das Ende, das so plötzlich kommt, wie das Leben nicht mit einer vom Regisseur gewollten Szene endet - es wird weitergehen, wie auch immer. Die Welt des Yusuf hat man durch den Film kennengelernt. Einer weiteren Verklärung bedarf es nicht.
Es bleibt nur noch eines zu erwähnen: Die absolut überragende Leistung von Bora Altas, der Yusuf spielt - ein so intensives Schauspiel eines Kindes habe ich, gelinde gesagt, noch nie gesehen.
"Bal - Honig" ist also ein sehr, sehr leiser Film, der beweist, dass mit den einfachsten Stilmitteln großes, intensives Kino geschaffen werden kann.