Kati Hirschel, 44 Jahre alt, seit über zehn Jahren in Istanbul lebende Deutsche und selbstironische Altlinke, erlebt nach ihrem Abenteuer im "Hotel Bosporus" ihren zweiten Kriminalfall. Da die Geschäfte der Buchhändlerin eher schleppend verlaufen (Auswirkungen der Finanzkrise 2001), bleibt ihr genügend Zeit, ihre Nase in den Fall des ermordeten Parkplatzbesitzers Osman zu stecken. Um es gleich vorweg zu sagen: Es gibt zwei Tote, deren Ermordung mehr oder minder plausibel nach gut 330 Seiten geklärt wird. Das ist oft an den Haaren herbeigezogen, aber die Kriminalhandlung macht auch nicht den Reiz des Romans aus. Ganz bewusst firmieren die Romane Aykols nicht als "Kriminalromane", auch wenn ihnen das Etikett des "Anti-Wallander" allzu plakativ (und sicherlich verkaufsfördernd) anhaftet.
Kati Hirschel ist ein liebenswertes Unikum: Ihre zwischenzeitlich kriselnde Beziehung zu dem Handelsanwalt Selim wird so detailverliebt und urkomisch erzählt, dass kaum ein Auge trocken bleiben dürfte. (Nachdem die eifersüchtige Kati stundenlang versucht hatte, das Passwort ihres Ex-Freundes zu knacken: "Tränen rannen meine Wangen hinunter. [..] Ich hatte ihm das Wort `diabolo` als Paßwort zugedacht und dabei benutzte er meinen Namen, den Namen seines Engels. [...] Ich musste meinen Kopf auf sein Bäuchlein legen und darauf hoffen, daß meine Seele gereinigt würde."
Ihre Großzügigkeit ihrer Angestellten Pelin gegenüber führt für "Gutmensch" Kati zu manchen Belastungen. Und ihre ziemlich erotisch gefärbte Freundschaft zu dem Polizisten Batuhan (keine Angst, sie bleibt ihrem Selim treu) lässt erahnen, dass diese Beziehung in ein paar weiteren Romanen weiterentwickelt werden sollte. Besondere Sogwirkung erhält der Roman durch regelmäßige Ansprache der Leserin /des Lesers ("Ich muß zugeben, daß ich mich ziemlich verändert habe, seit Sie mich das letzte mal gesehen haben. Ich habe jetzt ein Doppelkinn, orangefarbenes Haar [...] und einen Freundeskreis aus Frauen, die Antidepressiva nehmen."). Irgendwie scheint man zu Katis ausuferndem Bekanntenkreis dazuzugehören. Auf Schritt und Tritt begleitet man die Protagonistin durch Istanbul, Kenner haben ihre wahre Freude daran. Für nicht ganz so Ortskundige lässt Kati hin und wieder ein paar Erläuterungen zu bestimmten Örtlichkeiten einfließen. Die Autorin (eine lange Zeit in Berlin lebende Türkin in den Dreißigern) lässt Kati (eine in Istanbul lebende Deutsche in den Vierzigern) dabei regelmäßig über typisch deutsche bzw. typisch türkische Eigenschaften räsonieren.
Der Originaltitel "Kelepir Ev" (frei übersetzt: Haus zum Schnäppchenpreis) bezieht sich auf Katis Versuch, durch die Zahlung gewisser "Gebühren" an einen Verwaltungsmitarbeiter zu einem günstigen Preis an eine Wohnung zu kommen (die ja wiederum von Osman besetzt worden war). In dieser Hinsicht passt allerdings auch der Titel der deutschen Ausgabe. Bakschisch kann ja nicht nur Trinkgeld, sondern auch Bestechung heißen, das liegt immer im Auge des Betrachters.
Während Autoren wie Yasar Kemal oder Orhan Pamuk das große Weh der türkischen Nation beschreiben, listet Esmahan Aykol die Wehwehchen auf: Die Korruption ganzer Berufsstände (inklusive Verwaltung), das Verkehrschaos in Istanbul, die Unterwanderung breiter Gesellschaftsschichten durch die Ultrareligiösen, ungeklärte Besitzverhältnisse vieler Häuser (u.a. durch die Vertreibung der Griechen), die ambivalente Haltung zu Bildung, Inflation und Wirtschaftskrise. Das einzig wirklich Störende war für mich die Tatsache, dass die Übersetzerin (Antje Bauer) permanent Istiklal Caddesi mit Istiqlal (?) Straße übersetzt, aber das ist schon Nörgelei.
Interessanterweise ist erwähnt, dass die ersten beiden Kapitel von der Autorin für die deutsche Ausgabe überarbeitet wurden. Schade, dass meine Sprachkenntnisse nicht ausreichen, um zu ergründen, was Aykol den deutschen Lesern so nicht sagen wollte. Obwohl der Roman 2004 übersetzt wurde, erscheint er in der alten Rechtschreibung.
Fazit: Ein ganz großer Unterhaltungsromane, schwungvoll geschrieben, teilweise schreiend komisch, voller Lokalkolorit und mit Blick fürs Detail. Probleme im Alltag der Türken werden "ohne Zeigefinger" beleuchtet. Werde ich bestimmt irgendwann nochmal lesen.