Ady Henry Kiss zeigt mit diesem Roman auf eindrucksvolle Weise, was Science-Fiction und phantastische Literatur an kritischer Reflexion zu leisten vermag. Das Werk beschreibt die Geschichte eines Wissenschaftlers auf einer menschlichen Kolonie in ferner Zukunft. Die Menschheit ist in den Weltraum aufgebrochen und Kolonien gegründet, die sich in unglaublich brutaler Weise bekämpfen. Es kommt zu Massenverlusten infolge der skrupellosen Anwendung militärischer Gewalt (so etwa die Vernichtung von Sonnen zur Auslöschung des Lebens der umgebenden Planeten). Die Heimatwelt des Protagonisten wird selbst unbewohnbar gemacht, so dass die Bewohner auf Raum-Plattformen in der Umlaufbahn leben müssen. Die Existenz der Bewohner verläuft unter überaus schäbigen Bedingungen -ein Topos, der in weiteren Werken von Kiss immer wieder auftaucht- und wird von den Militärs dominiert. Die Generäle -korrupt, unfähig und brutal- bringen die Gesellschaft durch Intrigen an den Rand einer Niederlage. Der Protagonist wird daher zur Erde der Vergangenheit (d.h. die Erde unserer Gegenwart) geschickt, um dort unauffällig nach neuen technischen Möglichkeiten zur militärischen Rettung der eigenen Welt zu suchen. Er wird als Embryo in einen Frauenkörper 'eingespeist' und wächst im 'realen' Leben der Erde auf. Dieses Leben -begonnen in Kanada- läuft unter desillusionierenden Bedingungen ab, bis es zur Entscheidung in dem kleinen kanadischen Ort "Baker's Barn" kommt. Er findet die technische Lösung und baut ein Raumschiff mit einem neuen Antrieb, um die Militärstreitmacht der eigenen Welt der Zukunft mit einer überlegenen Antriebstechnik auszurüsten. Er hat jedoch nicht bemerkt, dass die Feinde seiner Heimatwelt das ganze Projekt durch Verrat entdeckt haben und ihn durch technische Tricks auf eine Scheinerde versetzt haben, auf der er in einem großen 'Studio' aufgewachsen ist - stets unter der Kontrolle der Feinde. Es kommt zum 'showdown'. Die Verantwortlichen der Feinde versuchen den Protagonisten zur Preisgabe der technischen Erfindung zu bewegen. Als Gegenleistung versprechen sie ihm einen schmerzlosen Tod. Aufgrund eigener Unfähigkeit töten sie sich jedoch selbst und ermöglichen dem Protagonisten so die Heimkehr mit dem neuen Antrieb. Das vermeintliche 'Happy-End' ist in Wirklichkeit keines, denn der Autor kehrt in seine Heimatwelt in ihrer ganzen Schäbigkeit und Entwürdigung zurück. Der Romen ist ein vielschichtiges Meisterwerk, das vor allem von der Spiegelung zukünftiger und gegenwärtiger (Irr)Realitäten lebt. Die Existenz des Protagonisten in der angeblichen Erde des 20. Jahrhunderts ist komplexbeladen und voller Probleme. Die Liebe zu einer Frau wird durch deren Untreue infolge einer Beziehung zu einem klebstoffschnüffelnden Verrückten zerstört. Da diese psychische Katastrophe für den Protagonisten kurz vor Vollendung seiner technischen Erfindung stattfindet, wirkt sie auf den Leser zunächst eher weniger desaströs, ja sogar 'befreiend'. Es ist abzusehen, dass der Protagonist in kurzer Zeit das 'reale' Leben mit seinen furchtbaren Brüchen verlassen kann. Diese 'Erlösung' wird jedoch bald darauf zerstört, als offenbar wird, dass der Protagonist ohnehin nur als 'Werkzeug' der Feinde gedient hat. Das Bild des "Werkzeuges" ist vorherrschend, denn der Protagonist dient mit seiner Arbeit und seinem letztendlichen Erfolg letztlich nur den eigenen Militärs, die ihn und seine ganze wissenschaftliche Tätigkeit sowieso nur mißbrauchen und mißachten. Der Roman von Kiss beinhaltet eine derartig große Menge an 'negativer Energie' und wirkt auf den Leser auf eine derart tiefgehende Weise (keineswegs mit oberflächlichen 'Show', 'Event'- oder 'Knalleffekten'), dass man eine feste Haltung benötigt, um nicht in tiefen Pessimismus abzugleiten. Besitzt man die nötige 'Standfestigkeit', kann man jedoch an kritischer Schärfe gegenüber Staat, Politik und Gesellschaft überaus gewinnen. Die beschriebenen Handlungsstrukturen sind keineswegs erschöpfend - es gibt noch viel mehr an tiefgehender 'Analyse' zu entdecken. So etwa das Schicksal der Deutschen - ein Thema, das Kiss auch in "Manhatten II" thematisiert hat. Die Deutschen sind nach einer Atomkatastrophe nach Kanada umgesiedelt worden und fristen dort ein schäbiges Leben argwöhnisch betrachteter und geknechteter 'Asylanten'. Ein böser Traum? Immerhin ist die 'Realität' des Protagonisten ja nur künstlich geschaffen worden ... "Baker's Barn" erschien in einer Sonderausgabe zusammen mit "Canyons" und "Manhattan II" als Box mit einer CD mit der Musik von Charles Perron, dem Gründer der Schweizer Band "Yellow" (3er Box "Der Planet"). Damit verfolgte Kiss wohl die Überschreitung der Grenzen zwischen Literatur und Musik. Der Leser wird aufgefordert, die Stücke der CD zu hören und gleichzeitig bestimmte Textpassagen zu lesen. Dieses Ansinnen ist eher misslungen - ähnlich, wie der Versuch, durch 'textüberschreitende' Bemerkungen und 'Aphorismen' innerhalb des Romans die 'innere Realität' der Geschichte zu durchbrechen. Der Leser wird eher verwirrt, ohne einen näheren Sinngewinn zu erlangen. Das Ganze erscheint eher als intellektualistisch-psychologische 'Sondernummer' ohne rechte künsterlische Verankerung. Der Leser sollte sich auf das konzentrieren, was die eigentliche Leistung von Kiss ausmacht: die multiperspektivische tiefgehende Auseinandersetzung mit Politik, Individuum und Gesellschaft - mit Realität und Schein.