Ein Bote kommt vom Kithairon Gebirge und berichtet gar Wundersames: Frauen wandeln dort umher, halten Rehkitze im Arm oder nähren Wolfsjunge. Sie schmücken sich das Haar mit Efeu, Eichenlaub und Windblüten und halten einen mit Tannenzapfen geschmückten und mit Efeu umwunden Stab in Händen, den Thyrsos. Es sind die Bakchen, die Anhängerinnen und Verehrerinnen des Dionysos. Wenn sie Durst haben, stoßen sie mit dem Thyrsos auf den Boden und schon fließen Wasser, Wein oder auch Milch und Honig.
Man fühlt sich ins goldene Zeitalter Ovids versetzt. Oder auch an eine Hippiekolonie in Kalifornien. Dionysos, der Gott der Lebenssäfte, des Weines, des Tanzes, des Theaters, des heiligen Rausches und der Weihsagung wird hier verehrt. Dies ist das eine Gesicht des Rausch-Gottes, das andere ist weniger idyllisch: Raserei, Zerstörung, Wahnsinn. Binnen Sekunden schlägt das dionysische Schwärmen in dionysisches Morden um. Die Bakchen werden zu Mainaden, zu Rasenden. Sie zerreißen, was sie eben noch genährt haben, sie plündern und brandschatzen, was ihnen in die Hände fällt. Der Bote kommt gerade noch davon:
Andere zerrissen junge Rinder, Stück für Stück.
Man konnte sehen, wie Rippen, manch gespaltner Huf
Aufflog und nieder, wie sie hängenblieben im
Fichtengeäst, mit Blut befleckt, das niedertroff.
Indem sie Hysiai, Erythrai, die am Fuß
Erbaut sind des Kitharion, so, als wären sie
Im Kriege, überfielen, plünderten kreuz und quer
Sie alles, schleppten aus den Häusern Kinder weg.
Pentheus, mit dem Botenbericht konfrontiert, fasst den Entschluss mit diesem Dionysos-Kult sofort wieder aufzuräumen, bevor er sich noch regelrecht etablieren kann und seine Position als König, Herrscher und Mann weiter aushöhlt. Denn die Aushöhlung hat schon begonnen: Seine eigene Mutter, Agaue, ist eine der Schwarmführerinnen geworden. Aus tiefstem Herrscherinstinkt lehnt Pentheus diesen Kult ab, lässt einige Bakchantinnen verhaften, verweigert Dionysos Anerkennung und Verehrung als Gott und lässt sich so auf eine Konfrontation mit dem Gott ein, die er nicht gewinnen kann. Die Rache des Gottes ist furchtbar: Er lockt den Pentheus in eine tödliche Falle, als er ihm vorschlägt, den geheimen Kult der Bakchen zu beobachten. Der Beobachter wird entdeckt und von der eigenen Mutter und Tante in blindem Wahn und toller Raserei zerrissen.
Die Bakchen gelten als rätselhaft. Seit nunmehr 2500 Jahren. Woran liegt das? Die Botschaft der Geschichte scheint klar: Wer sich gegen die Macht des Göttlichen stellt, wird bestraft. Der Gott hat seine Vormacht demonstriert, seine Anerkennung erzwungen und über bloß menschliche Rationalität und Machtansprüche triumphiert. Wäre der Autor der Bakchen Aischylos oder auch Sophokles, so könnte man diesen letzten Satz als Zusammenfassung stehen lassen. Doch der Autor heißt Euripides. Jener Euripides, der schon den Zeitgenossen als Erneuerer, als Aufklärer, als Humanist, als Freund der Sophisten und des Sokrates galt. Die Aufführungspraxis der Bakchen zeigt diese Unentscheidbarkeit. Bald gilt Dionysos als der vitale Erlöser aus einer technokratisch-rationalen Welt unter dem kalten Regime eines Pentheus. Bald symbolisiert umgekehrt Pentheus den verlorenen Posten von Aufklärung, Humanität und Rationalität, wenn die mörderischen Wogen eines alten oder neuen Irrationalismus hereinbrechen.
Noch ein paar Worte zur Reclam Ausgabe selbst. Sie umfasst den Text der Bakchen in einer Übersetzung von Oskar Werner samt Anmerkungsapparat, Literaturhinweisen und Nachwort vom selben Autor. Ob die Übertragung der griechischen Metren ins Deutsche gelungen ist, mögen Berufenere beurteilen. Ich kann nur sagen, dass sich der Text angenehm flüssig liest und dass dem Rhythmus nicht die Verständlichkeit geopfert wurde.
Der Anmerkungsteil ist knapp gehalten, versorgt aber den Leser mit allen für das Textverständnis wichtigen Informationen. Das ist gerade bei Klassikerausgaben nicht selbstverständlich und nicht zu unterschätzen. Oskar Werner erklärt nicht nur weniger geläufige Begriffe oder Namen aus der Mythologie, sondern auch so manches Wortspiel, das sonst dunkel bliebe. Wenn Dionysos zu Pentheus sagt: Zu Pein, Leid, Ächzen, Not gesellt der Name dich.", dann ist es gut nachlesen zu können, dass hier ein Wortspiel mit Pentheus und penthos (Leid) vorliegt. Im Nachwort schließlich geht er auf den Dionysoskult selbst, die Biographie des Euripides und die Rezeption des Werkes ein. Wieder knapp, aber informativ und prägnant. Insgesamt: eine vorbildliche Ausgabe zum bekannt günstigen Reclam Preis. Was will man mehr?